Bilderbuchgeschichten schreiben – ein Erfahrungsbericht

Bilderbuchgeschichten schreiben – ein Erfahrungsbericht
von Rüdiger Paulsen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

heute gibt es einen etwas längeren Blogartikel. Ich hatte erst überlegt, ob ich ihn in mehrere Teile zergliedere, mich aber dann dagegen entschieden. Der Grund ist einfach: Ich möchte einen Artikel, der mich interessiert, gerne sofort und ganz lesen, und wenn er mir zu lang ist, kann ich mich immer noch entscheiden, in Etappen zuvorzugehen.
Vermutlich verstoße ich hier gegen ungeschriebene Blog-Gesetze, aber egal. Entscheidet ihr, wie ihr damit umgeht.

Für den Fall, dass ihr euch den Artikel ausdrucken wollt, um ihn in Ruhe irgendwo zu lesen: Es sind 23 Seiten.

Inhaltsübersicht:

•    Vorwort
•    Zielgruppe
•    Der Plot
•    Tiere im Bilderbuch
•    Plot-Formen
•    Neue Wege gehen
•    Der Titel
•    Textaufteilung
•    Die erste Doppelseite
•    Inhalt
•    Sprache
•    Adjektive und Adverbien
•    Reime
•    Kurzer Exkurs über das Wesen der Ballade
•    Umgang mit Dialogen
•    Nachahmungseffekt beachten
•    Illustrierbarkeit
•    Abwechslungsreiche Szenen gestalten/Schauplätze wechseln
•    Doppelinformationen vermeiden
•    Das Ergebnis
•    Bilderbücher lesen
•    Schlusswort

Vorwort

Am Anfang war das Wort, so zumindest steht es im Johannesevangelium. Okay, das gesprochene Wort – nicht das geschriebene!
Die Geschichte der Informationsübermittlung betreffend, darf eindeutig festgestellt werden: Am Anfang war das Bild! Das beweisen uns die eindrucksvollen Höhlenmalereien in der Chauvet-Höhle in Südfrankreich, die wenigstens 36.000 Jahre alt sind. Die Felsmalereien in der Chauvet-Höhle könnte man als das erste Bilderbuch in der Menschheitsgeschichte betrachten. Wie viel Bedeutung diesen Malereien zugemessen wird, sieht man daran, dass die Franzosen die Chauvet-Höhle komplett nachgebaut haben, um die Originale vor einer schleichenden Zerstörung zu schützen, die durch Besucher, die diese Kunstwerke sehen möchten; das Interesse ist riesig; ausgelöst werden könnte.
Das erste und größte Bilderbuch der Menschheit wurde reproduziert, um es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

In den letzten 3 ½ Jahren habe ich 68 Geschichten für Bilderbücher geschrieben. Dazu kommen noch ca. 20 Manuskripte, die unfertig in der Schublade liegen und auf ihre Vollendung warten. Außerdem arbeite ich immer an einigen neuen Texten.
23 Geschichten konnte ich bereits an Bilderbuchverlage verkaufen und 15 wurden in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. Weitere 10 Geschichten habe ich als Self-Publisher im E-Book Format veröffentlicht.
Ich bin selbst erstaunt, was in dieser kurzen Zeit alles entstanden ist. Vermutlich hat mich ein Schreibvirus befallen, aber okay, das soll mir recht sein.

Wenn ich meine ersten Texte mit denen vergleiche, die ich heute schreibe, kann ich feststellen, dass ich in den vergangenen Jahren einiges über das Bilderbuchschreiben gelernt habe. Hauptsächlich verantwortlich dafür sind meine hervorragenden Verlagslektorinnen, die weder mit Kritik noch mit Lob gespart haben. Das war unglaublich motivierend und brachte mich vorwärts.

Darüber, was ich über das Schreiben gelernt habe, über meine Erfahrungen und Erlebnisse in der Welt des Büchermachens, will ich hier berichten.

Was sollte man wissen, wenn man ein gutes Bilderbuch schreiben will und wie geht man vor?

Vorab: Man muss nicht illustrieren können, um ein Bilderbuch zu schreiben, sollte aber durchaus Ideen für die bildliche Umsetzung entwickeln.

Zielgruppe

Die Zielgruppe für Bilderbücher sind Kinder von 2-5 Jahren.

Bei 2-Jährigen ist noch kein Text erforderlich. Große, bunte Bilder reichen aus. Diese Bücher sind aus stabiler Pappe hergestellt und können einiges aushalten. Die Seiten reißen nicht und sie überleben auch Bisse und wildes durch den Raum geworfen werden.

Ich schreibe am liebsten für Kinder von 3-5 Jahren.

Der Plot

Zuerst muss eine Idee her. Das Schöne beim Bilderbuch ist, dass sich fast jedes Thema eignet. Es gibt Stoff in Hülle und Fülle. Alles ist erlaubt. Traumwelten, Fabelwesen, Tiere, belebte Gegenstände, alles aus der realen Welt und, und, und – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und man kann aus dem Vollen schöpfen. Da darf jemand mit einer selbst gebauten Rakete zum Mond fliegen, ein Abenteuer im Kleiderschrank erleben, ein Monster im Zimmer verstecken, mit Mäusen Weihnachten feiern, einen Schneckenzirkus eröffnen oder unter Wasser Schätze finden. Alles ist möglich!

Sylvia Englert weist in ihrem Buch «Handbuch für Kinder- und Jugendbuchautoren» darauf hin, dass saisonale Themen besonders beliebt sind. Weihnachten, Ostern, Ferien, Frühling, Sommer, Herbst, Winter usw. Solche Texte kommen bei Eltern (sie kaufen die Bücher) gut an und in den Buchläden werden diese Themen besonders präsentiert. Spezielle Büchertische, Aufsteller usw. Aber auch klassische Themen, wie: Prinzessinnen, Piraten, Ritter oder große Sportereignisse, wie eine Fußball WM, werden immer wieder verlegt und erfolgreich vermarktet.

Viele dieser Geschichten wurden schon 1000-mal erzählt. Will man in diesen Genres etwas Neues erzählen, muss ein interessanter Plot her. Ein Plot, den es so vorher noch nicht gegeben hat: ein Pirat, der immer seekrank wird – eine Prinzessin, die gerne Schornsteinfegerin wäre – ein Seestern, der zum Himmel möchte, um einen Weihnachtsstern kennenzulernen usw.

Eine gute Idee zur Plo-Entwicklung ist immer die Frage: Was wäre, wenn?

Nehmen wir einmal das Thema Ostern und machen ein Brainstorming.
Was wäre, wenn:
– der Osterhase Zahnschmerzen hat?
– die Hühner keine Eier legen wollen?
– der Fuchs die Farben fürs Eieranmalen gemopst hat?
– der Osterhase verschläft?
usw.

Ein Brainstorming mit der Was-wäre-wenn-Frage führt immer sehr schnell zu neuen Plotideen. Wichtig bei dieser Vorgehensweise ist das assoziative Schreiben. Nicht nachdenken. Alles, was im Kopf auftaucht, ohne Zensur aufs Papier bringen. Aussortieren und filtern kann man später.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten.
Vorsicht ist allerdings beim Vermischen von unterschiedlichen Themen geboten. Ein Abenteuer, in dem der Weihnachtsmann und der Osterhase die Hauptprotagonisten sind, kann problematisch werden. Das sehen Verlage meistens nicht so gerne.
Natürlich kann eine witzige Geschichte daraus entstehen, aber wenn man sie verkaufen möchte, sollte man sich vorher erkundigen, ob so etwas gewünscht ist.

Letztlich kann man sie trotzdem schreiben und als Self-Publisher auf den Markt bringen.

Kinder im Bilderbuchalter befinden sich in einer Entwicklungsphase, in der sie mit unzähligen neuen Eindrücken konfrontiert werden. Hier können Bilderbücher eine hilfreiche Unterstützung bieten. Sie können auf Situationen vorbereiten, die für das Kind noch unbekannt sind: ein Arztbesuch, der Kindergarten, ein Besuch auf dem Bauernhof oder das Geschwisterkind, das bald eintreffen wird. Hier können Ängste und Unsicherheiten genommen werden. Der Bereich Sachbuch hat deshalb einen großen Stellenwert im Bilderbuchsektor. Am Schönsten ist es, wenn das Wissen in lustigen, unterhaltsamen Geschichten präsentiert wird.

Tiere im Bilderbuch

Mäuse, Hasen, Katzen, Hunde, Hühner, Enten, Maulwürfe, Bären, Pferde, Löwen, Pinguine, Affen, das alles sind Tiere, die in Bilderbüchern immer wieder auftauchen.
Für eine originelle Plot-Idee kann man sich überlegen, welche Tiere es bisher nicht oder nur sehr selten in die Kinderbuchliteratur geschafft haben. Ich habe vor einiger Zeit einen Artikel darüber gelesen, weiß aber leider nicht mehr wo und wer der Autor war.
Spontan fällt mir ein: Ameisenbär, Gürteltier, Mistkäfer, Spinne, Tapir, Kamel, Hai oder Adler. Zurzeit sind wohl Eulen im Trend.
Es lohnt sich auf jeden Fall, in dieser Richtung zu denken, um etwas Einmaliges, etwas Neues zu erschaffen.

Die Textmenge, die man für ein Bilderbuch schreiben muss, ist nicht so umfangreich. Ein Bilderbuch ist ein gut überschaubares Projekt.
Aber Vorsicht! Gerade in der Kürze stecken die größten Schwierigkeiten und es lauern heimtückische Fallstricke. Alles muss schnell und unmittelbar auf den Punkt gebracht werden und trotzdem müssen Aufbau, Spannungsbogen und Auflösung stimmig sein.
Das ist nicht so leicht, wie Viele vielleicht meinen. Es erfordert große Aufmerksamkeit und Sorgfalt und ein solides Grundwissen über das Schreibhandwerk. Bilderbücher sollen bei Kindern die Lust auf Bücher und den Einstieg ins Lesen fördern und dafür ist das Beste gerade gut genug.
Meine Erfahrung sagt mir, dass man sich durch Bilderbuchschreiben ein solides Grundwissen erarbeiten kann, wenn man sich später an umfangreichere Geschichten (Romane) heranwagen will. Was man hier für den kleinen Rahmen gelernt hat, lässt sich gut auf größere Projekte übertragen.

Plot – Formen

Für mich gibt es zurzeit drei unterschiedliche Ansätze, mit denen ich gerne arbeite.

1. Das klassische Schema: Held – Aufgabe/Problem – Lösung

Beispiel:

Der kleine Hund der Prinzessin ist verschwunden. Unser Held sucht ihn, muss Abenteuer bestehen und am Ende wird der Hund gefunden und kommt zur Prinzessin zurück.

Bitte darauf achten, dass Konflikte und Spannung die Handlung nicht zu sehr dominieren. Hierzu Sylvia Englert: «Kinder in diesem Alter ertragen Konflikte noch nicht gut, und Spannung in einem Buch ist für sie kein Vorteil, sie mögen sie nur in kleinen Dosen.»
Da stimme ich zu und werde im Kapitel «Inhalt» noch genauer darauf eingehen, warum die richtige Wortwahl oft entscheidend sein kann.

2. Die Erlebnisgeschichte/Aufzählungsgeschichte

Der oder die Protagonisten erleben auf jeder Buchseite etwas Neues.

Beispiel:

Lilli und Tina pflücken Blumen, schwimmen im Teich, balancieren auf einer Mauer, backen Plätzchen, klettern auf einen Baum usw.
Hierbei muss es kein Grundproblem geben, das auf einer Heldenreise zu lösen wäre. Es geht um unterschiedliche, lustige Erlebnisse, die nicht unbedingt eine fortlaufende Geschichte erzählen müssen, sondern in kurzen Einzelepisoden, auf jeder Doppelseite, ein neues Szenario entstehen lassen.

3. Die Entwicklungsgeschichte.
Erfahrungen sammeln oder etwas Neues lernen.

Hier möchte unser Protagonist etwas lernen, erfahren, erleben.
Achtung: Auf den erhobenen Zeigefinger verzichten!
Kinder mögen es nicht besonders, wenn ihnen zu offensichtlich Weisheiten übergestülpt werden, und reagieren schnell mit Desinteresse.

Beispiel:

Der Osterhase Ben, noch zu klein um beim Ostereierverstecken mitzumachen, beobachtet heimlich seine älteren Artgenossen. Er schleicht ihnen hinterher, wenn sie die Eier vom Hühnerhof holen, beobachtet sie beim Eieranmalen, erfährt, wo die Farbe herkommt und erlebt schließlich, wie die Eier versteckt werden. Schließlich weiß er alles und darf auch Osterhase sein. Daraus lässt sich eine interessante, lustige Geschichte machen.

Das sind, wie schon gesagt, nur drei Möglichkeiten. Viele andere Varianten sind denkbar und warten auf Verwirklichungen. Das Gute beim Bilderbuch ist, dass nicht nur die Heldenreise, deren Problemlösung die Geschichte ergibt, oder das, wie auch immer gestaltete Sachbuch, als Grundmuster dienen können. Illustratoren und Autoren dürfen experimentieren und neue, noch unbekannte Wege einschlagen. Es darf mit Worten, Farben und Formen gespielt werden.
Wichtig ist, dass keine Langeweile aufkommt.

Ich probiere viel Neues aus und versuche mit der Zeit immer mehr aus dem breiten Spektrum der Möglichkeiten zu entdecken.

Neue Wege gehen

Erfolgreiche und innovative Vorreiter, den Bilderbuchsektor zu bereichern, sind die Macherinnen der Bilderbuchzeitschrift «Gecko» Sie erscheint 6-mal im Jahr, ist qualitativ in jeder Beziehung hochwertig gemacht und kostet € 6,50 pro Ausgabe. Da hat man für wirklich kleines Geld mehrere Bilderbuchgeschichten, die sich lohnen und die es auch anderswo noch nicht gibt. Gecko funktioniert übrigens ohne Werbung.

Auch die Künstler der «Ateliergemeinschaft Labor» aus Frankfurt haben etwas Neues geschaffen: das Kritzelkino – ein Daumenkino zum Weitemalen. Erschienen sind diese wunderbaren Büchlein bei Beltz & Gelberg.

Einen Punkt möchte ich noch erwähnen, auch wenn wir Autoren und Illustratoren darauf keinen Einfluss nehmen können: Die materielle Qualität von Bilderbüchern. Ich habe immer ein komisches Gefühl, wenn ich Bilderbücher in der Hand halte, die in Fernost produziert wurden. Die Qualitätsstandards liegen dort oft weit unter denen, die hier angewendet werden – von den Arbeitsbedingungen will ich gar nicht reden. Natürlich werden Fernostprodukte, gerade wenn sie für Kinder gemacht sind, hier einer Qualitätskontrolle unterzogen, aber wer weiß schon wirklich genau, wie Druck, Papier- und Farbherstellung dort gehandhabt werden und wie hoch die Schadstoffbelastung tatsächlich ist. Auch die bei uns zugelassenen Grenzwerte für Giftstoffe können nicht wirklich beruhigen. Kleine Kinder nehmen ihr Bilderbuch auch schon mal in den Mund oder mit ins Bett. Ich glaube, ein Umdenken in diesem Bereich ist notwendig.

Der neunmalklug Verlag aus Frankfurt wagt sich hier auf ein neues Terrain.

«Als erster deutscher Kinderbuchverlag produziert neunmalklug komplett umwelt- und gesundheitsfreundlich. Alle Bücher sind Cradle to Cradle zertifiziert und somit frei von Giftstoffen. Sie können ohne Bedenken in den Mund genommen werden. Kinder dürfen so ihr Umfeld mit allen Sinnen erkunden und Mama und Papa können sich entspannt zurücklehnen.»
Sollten die Bücher einmal im Abfall oder Kompost landen, sind alle Bestandteile biologisch abbaubar und können dem Kreislauf der Rohstoffe erneut zugeführt werden.

Mit: «Marta und Piet – eine Reise nach Kalkutta» ist bereits ein Bilderbuch erschienen.

Zurzeit (April 2015) läuft eine Crowdfunding Kampagne des Verlags, um neue, umweltfreundliche Buchprojekte finanzieren zu können.
Ich halte das für wichtig und unterstützenswert.
Hier gehts zum Crowdfunding

Der Titel

Bilderbücher brauchen eindeutige, inhaltsorientierte Titel. Das ist wichtig, weil Erwachsene die Bücher überwiegend danach kaufen, auf welcher Entwicklungsstufe ihre Kinder sich befinden, welche Erfahrungen gerade gemacht werden müssen (Zahnarzt) oder welche Vorlieben ihre Sprösslinge zurzeit entwickeln.

Darum muss im Titel klar erkennbar sein: Worum geht es in der Geschichte?
Welche Thematik wird behandelt?

Auf den Titel legen Verlage viel wert und das Cover ist in der Regel das Erste, was ein Illustrator abgeben muss. Das hat einen guten Grund: Das Buch wird in der Verlagsvorschau, im Katalog, auf der Webseite oder auf einer Messe angekündigt, lange bevor es endgültig fertiggestellt ist.

Optimal ist es, wenn Titel und Cover eine Symbiose eingehen und ein klares Signal aussenden.

Beispiele:

Der faule Osterhase
Pixi Buch – Serie 221 – Nr. 2006
Carlsen Verlag Hamburg
Illustriert von Eleonore Gerhaher
www.carlsen.de/pixi/

Dieser Titel ist eindeutig: Es geht um Ostern. Ein Osterhase hat wohl nicht so recht Lust. Es darf eine interessante Geschichte erwartet werden.

«Großer Sieg auf grüner Wiese»

So ein Titel ist auch dann noch zu unklar, wenn auf dem Cover Kinder oder Tiere zu sehen sind, die Ball spielen. Man könnte vermuten, dass es sich um ein Fußballthema handelt. Das mag auch stimmen, aber das Kernproblem ist vielleicht ein kleiner, schüchterner Junge, der sich durchgesetzt hat, endlich auch mal mitspielen darf und womöglich noch ein Tor schießt, was sein Selbstbewusstsein ordentlich aufpoliert. Dann wäre ein Titel wie: «Hannes traut sich» eindeutiger, weil man dadurch, unabhängig von der Handlung, erahnt, welches Thema behandelt wird.

oder:

«Der kleine, schlaue Ben»

Daraus ist nicht eindeutig zu ersehen, worum es geht.
Natürlich spielt hier auch die Illustration eine Rolle (dazu später mehr), weil Ben als Osterhase vermutlich auf dem Cover auftaucht und dadurch Text und Bild wieder eine Eindeutigkeit herstellen.

Besser: «Ben, der kleine, schlaue Osterhase» – da kommen keine Fragen auf.

Auch wenn nur Namen im Titel auftauchen, kann es problematisch werden.
«Charlie und Fred» oder «Lilli und Tina» ist nicht so gut, weil man nicht erkennen kann, worum es geht.

Besser ist:
«Charlie feiert Geburtstag» oder «Lilli und Tina gehen ins Theater»

Verwendet man für den Titel nur einen Namen, muss die Illustration eindeutig erkennen lassen um wen oder was es geht.

Hier ist alles klar:

Billy Schwarzbart
Pixi Buch – Serie 229 – Nr. 2076
Carlsen Verlag Hamburg
www.carlsen.de/pixi/
Illustriert von Vitali Konstantinov

Pixi-Buch Nr. 2076_ Billy Schwarzbart

Ich warte mit dem Titel immer, bis die Geschichte fertig ist. Dann weiß ich mehr als am Anfang und kann gezielter überlegen. Am Anfang steht ein AT (Arbeitstitel), der bis zur Abgabe des Manuskriptes noch beliebig oft geändert werden darf.
Allerdings, und das muss man wissen, akzeptiert ein Verlag den gewählten Titel nicht immer. Das hat unterschiedliche Gründe. Vielleicht ist das Buch für ein bestimmtes Verlagsprogramm vorgesehen und der Titel passt nicht so richtig dazu. Oder der Verlag findet den Titel nicht aussagekräftig genug und wünscht sich mehr Pepp. In der Regel wird man informiert und kann seine Meinung äußern – ein endgültiges Entscheidungsrecht hat man aber nicht. Meistens ist das schon im Autorenvertrag festgelegt. Der Verlag kauft das Manuskript mit dem Arbeitstitel: «Charlie feiert Geburtstag» und behält sich das Recht der Änderung vor.
Sollte man bereits ein etablierter Autor sein, kann man die entsprechende Verlagsklausel natürlich im Vorfeld ändern, um seinen Titel durchzubringen. Das kann man natürlich auch als Anfänger probieren, ist aber vermutlich schwieriger und um dabei erfolgreich zu sein, braucht man gute Argumente.

Hier spiegeln sich meine Erfahrungen mit verschiedenen Verlagen wieder und jeder Verlag setzt andere Prioritäten. Letztlich, und das ist leider die Realität, zählt immer der zu erwartende wirtschaftliche Erfolg eines Buches. Da werden unterschiedliche Strategien verfolgt und was für den einen Verlag das Non-Plus-Ultra ist, lehnt ein anderer Verlag komplett ab.

Textaufteilung

Viele Bilderbücher haben 24 Seiten. Natürlich gibt es welche mit geringerer und auch welche mit höherer Seitenzahl. Ich orientiere mich, wenn nichts anderes verlangt wird, immer an der 24 Seiten Variante.
Hierbei gilt:
Die Umschlagseiten U1 – vorne außen, U2 vorne innen, U3 hinten innen und U4 hinten außen kann man außer Acht lassen. Die Gestaltung dafür übernimmt in der Regel der Verlag in Zusammenarbeit mit der Illustratorin. Neben der Covergestaltung U1 und U4 werden auf den Umschlaginnenseiten U2 und U3 noch weitere wichtige Verlagsinformationen untergebracht.

Auf Seite 1 steht noch mal der Titel und die Namen von Autor und Illustrator.
Dann kommen die 11 Doppelseiten und die Abschlussseite 24.
Die letzte Seite 24 ist immer einem beruhigenden, aufmunternden, schönen Abschluss vorbehalten. Alles muss gut ausgehen. Bilderbücher brauchen ein Happy End! Immer!

Es macht Sinn, sich den Seitenaufbau schon beim Schreiben vor Augen zu halten und den Text sofort entsprechend aufzuteilen.

Der erste Satz – die erste Doppelseite 2/3

Wir wissen alle, wie wichtig bei einem Roman der erste Satz ist. Ähnlich ist es beim Bilderbuch.
Hier gilt: Sofort in die Geschichte einsteigen. Keine langen Erklärungen, keine großen Be- und Umschreibungen. Nein, sofort mitten rein ins Geschehen.

Textbeispiel:

Ben will auch Ostereier verstecken.
»Du bist noch zu klein«, sagt Papa.
»Bin ich nicht«, antwortet Ben, zieht seinen Lieblingspullover an und läuft los.

Das reicht völlig. Wir müssen nicht groß erzählen wer oder was Ben ist, wo er ist und wann er ist. Dass Ben ein Hase ist, drauf deutet einmal das Wort Ostereier hin, zum anderen greift hier die Ĭllustration z.B. Hasendorf, Ben und sein Papa, im Hintergrund sieht man Hasen beim Eierbemalen oder Ähnliches.

Die erste Doppelseite ist absolut wichtig!
Hier entscheiden die Erwachsenen, die das Buch kaufen, ob sie noch weiter blättern oder nicht. Und dazu müssen sie sofort von Text und Bild gefangen werden.

Inhalt

An erster Stelle steht: Es muss lustig, witzig und unterhaltsam sein.

Unbedingt darauf achten, dass die Kinder keine Angst bekommen. Das hört sich jetzt vielleicht etwas merkwürdig an, kann aber auch den besten Autoren durchrutschen.

Beispiel:

In einer Geschichte muss sich der kleine Hase Ben an zwei Wachhunden vorbeischleichen. Die anderen Hasen warten, ob er es schafft.
Es findet ein Gespräch unter den Hasen statt.
Falsch: «Hoffentlich wird er nicht gefressen.»
Besser: «Hoffentlich geht alles gut» oder «Hoffentlich passiert ihm nichts.»

Die Kinder fiebern mit ihrem Hasenfreund Ben. Die Erwähnung, dass er gefressen werden könnte, kann unnötige Ängste hervorrufen. Das ist überflüssig und lässt sich leicht entschärfen, wie das obige Beispiel zeigt.
Wenn also zu aufregende oder sogar bedrohliche Szenen auftauchen, müssen diese unbedingt »entspannt« werden. Mit der Zeit wird man sensibel für entsprechende Formulierungen. Man darf nie vergessen, dass viele Dinge, viele Wörter, die uns harmlos und normal erscheinen, eine völlig andere Wirkung bei Kindern hervorrufen können.

In der ersten Fassung einer Geschichte darf alles vorkommen (innerer Lektor aus).
Hier überwiegt unser subjektives Empfinden und wir dürfen alles aufs Papier sprudeln lassen. Dann fängt die Arbeit an. Der Text sollte immer wieder gelesen werden. Bitte auch laut lesen! Dazwischen sollte es Pausen geben, die durchaus einige Wochen dauern dürfen.
Wenn ich glaube, eine Geschichte nähert sich ihrer Endfassung, gebe ich sie meiner Frau zu lesen.
Spätestens jetzt offenbart sich meine Betriebsblindheit. Oft steckt man so tief im Text, dass Unstimmigkeiten nicht mehr wahrgenommen werden. Ich glaube, davon können sich die Wenigsten freimachen.
Dann feile ich weiter. Ich versuche, jedes überflüssige Wort zu streichen. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber oft unumgänglich.
Meine Bilderbuchgeschichten (manche schreibe ich innerhalb einer Stunde) bekommen immer viel Zeit zum Reifen. Im Schnitt überarbeite ich jeden Text 15-20 Mal in einem Zeitraum von mehreren Wochen oder Monaten, bevor die Endfassung steht, die dann an einen Verlag geht.

Aber auch dann ist die Arbeit noch nicht getan.
Selten geht die erste Endfassung problemlos an einer Lektorin vorbei und ich darf noch mal umschreiben oder kürzen. Aber gerade das ist das Interessante. Im Lektorat werden Dinge gesehen, die mir einfach nicht bewusst waren und die mir deshalb auch nicht auffallen konnten. Hier setzt ein Lernprozess ein, den ich sehr zu schätzen weiß.
Jede Lektorin reagiert anders und das macht die Arbeit so spannend und abwechslungsreich. Natürlich muss man sich den Vorschlägen einer Lektorin nicht unbedingt fügen, aber eine erfahrene Kinder- oder Bilderbuchlektorin, dürfte den meisten Autoren gegenüber einen großen Erfahrungs- und Wissensvorsprung haben.
An jedem Satz, jedem Wort festzuhalten, weil man so lange damit gerungen hat, ist nicht immer sinnvoll. Lektorat bedeutet, dass da jemand mit unserem Text arbeitet, um ihn besser zu machen, und nicht um uns zu ärgern.
Okay, wenn man bereits den Nobelpreis abgestaubt hat, sieht das vielleicht anders aus.

Bis dahin gilt: Schreiben lernt man nur durch Schreiben und anschließender kritischer Überarbeitung und Selbstreflexion in Zusammenarbeit mit dem Lektorat.

Die Sprache

Immer im Präsens schreiben!!!

Auch hier stimme ich Sylvia Englert zu. Sie schreibt: «Übrigens werden Bilderbuchtexte immer im Präsens geschrieben, da Kinder stark in der Gegenwart leben und Texte im Präsens zudem viel unmittelbarer und direkter klingen als in der Vergangenheitsform (Imperfekt).»

Ich hatte mein erstes Bilderbuch im Imperfekt geschrieben. Von meiner Lektorin darauf aufmerksam gemacht, habe ich es umgeschrieben und sofort verstanden. Der Text klang viel direkter, ich fühlte mich mehr ins Geschehen hineingezogen.

Bilderbücher werden in der Regel für kleine Kinder gemacht, die noch nicht lesen können. Darum muss die Sprache klar und einfach sein. Keine langen Schachtelsätze, keine Fremdwörter, keine umständlichen Um- und Beschreibungen. Keine angefangenen, halben Sätze, die der Leser sich selbst zu Ende denken soll.

Beispiel:
Schlecht: «Aber ich wollte doch nur …», Ben wischt sich eine Träne aus dem Gesicht.
Besser: Aber ich wollte doch nur helfen.» Ben wischt sich eine Träne aus dem Gesicht.

Natürlich dürfen die Sätze schon etwas komplexer sein, als zum Beispiel für Erstleser/Anfänger. Es wird ja vorgelesen, und zwar mehrfach. Kinder wollen eine Geschichte, die ihnen gefällt, immer und immer wieder hören.

Kinder lieben auch Lautwörter wie zum Beispiel: Krawummm oder Wuuusch! Solche Wörter können dann grafisch schön gestaltet werden und in fetten Lettern über die Seite laufen.
Auch «unartige» Wörter, wie Pippi, Kacka oder pupsen, sind bei Kindern beliebt. In der richtigen Dosierung, an den richtigen Stellen, den richtigen Protagonisten in den Mund gelegt, sind sie durchaus erlaubt. Aber bitte nicht versuchen pädagogisch zu wirken, das macht sich heute in Kinderbüchern nicht so gut.

Mir macht es auch viel Spaß, neue Wörter oder Wortzusammenhänge zu entdecken.

Beispiel aus meiner Geschichte: Lisa Blümchen hat Geburtstag.

Fremdverstrumpft und falsch beschuht,
ist jetzt Kuchenessen gut.
(Die Kinder hatten weiter oben im Text Schuhe und Strümpfe getauscht.)

oder

Beispiel aus:
Serafina Königstochter
Pixi Buch – Serie 224 – Nr.2032
Carlsen Verlag Hamburg
www.carlsen.de/pixi/

Serafina und die Mädchen
sind verfreundet mäusedicht,
kichern gackern, machen Witzchen,
so was mögen Jungen nicht.

In gereimten Texten lassen sich Wortschöpfungen besonders schön unterbringen, besser noch: Auf der Suche nach passenden Reimen tauchen sie oft ganz von selbst auf. (Mehr zum Reimen, weiter unten)

Adjektive und Adverbien

In der Erwachsenenliteratur – wo immer die im heutigen All-Age-Zeitalter anfangen mag – ist ein sparsamer Gebrauch von Adjektiven und Adverbien angeraten. Ein zu häufiger Einsatz überführt schnell die Schreibanfänger: mehr noch, er dokumentiert deutlich, dass hier jemand am Werk war, der noch nicht sehr viel über das Handwerk des Schreibens weiß. Für Lektoren ein guter Grund, dass eingereichte Manuskript zur Seite zu legen.
Im Bilderbuch/Kinderbuch gilt diese Regel nicht!
Die Kinder sollen den Reichtum unserer Sprache kennenlernen. Eine Grundschullehrerin reagierte einmal sehr empört, als ich in einem Schreibkurs auf die sparsame Verwendung von Adjektiven hinwies. Gerade das hätte sie ihren Kindern immer beigebracht. Sie hatte natürlich recht.
In einem Bilderbuch haben Adjektive und Adverbien mehr Spielraum, weil sie eine wichtige Funktion haben: Sie präsentieren sich als neue Wörter, die den Kindern vielleicht noch unbekannt sind.
Da darf es ruhig mal heißen: Ein brummiger, verschlafener, zerzauster Bär tapste unbeholfen aus der Höhle. Er darf auch laut brüllen, wild zappeln oder sich unbeschreiblich freuen.

Reime

Reime eignen sich gut für Bilderbücher. Sie fördern die Sprachentwicklung bei Kindern enorm und die gereimten Texte werden schnell auswendig mitgesprochen.

Ich gebe meine gereimten Texte manchmal einer Kindergärtnerin, die sie ihren Kindern vorliest und mir dann ein brauchbares Feedback liefert. Das kann ich nur empfehlen. Es ist hilfreich und macht auf Schwachstellen aufmerksam.

Meine kleine Nichte hat mit drei Jahren die Geschichte von den Schrottels innerhalb kürzester Zeit auswendig gekonnt.

Hier kann man sich die Geschichte anhören:

Die Geschichte von den Schrottels wurde von Gabi Hartisch und Petra Winkelbauer professionell eingesprochen.

Wie gereimt werden soll, bleibt den Autoren überlassen.
Es gibt sehr viele unterschiedliche Reimschemata.

Einige Stimmen sagen, dass man innerhalb einer Geschichte das Reimschema nicht wechseln sollte. Das sehe ich anders. Ich wechsel oft zwischen Paarreim AABB und dem Kreuzreim ABAB und finde, das macht den Rhythmus interessanter und gibt dem Ganzen noch etwas mehr Pepp.

Auch den Schweifreim AABCCB benutze ich häufig. Ein bekanntes Beispiel für den Schweifreim ist: «Der Mond ist aufgegangen» von Matthias Claudius.

Der Mond ist aufgegangen, A
die goldnen Sternlein prangen A
am Himmel hell und klar. B
Der Wald steht schwarz und schweiget, C
und aus den Wiesen steiget C
der weiße Nebel wunderbar. B

Aber wie schon gesagt, es gibt viele Möglichkeiten und jeder muss ausprobieren, welchen Rhythmus er für seine Geschichte möchte.

Wichtig ist allerdings, dass die Reime stimmig sind und nicht holpern.

Beispiel 1 (aus meiner Geschichte: Die Schrottels)

Ziemlich tief im Weltall draußen,    (8 Silben)
noch viel weiter als der Mond,     (7 Silben)
gibt es eine Welt wie unsre,    (8 Silben)
wo das Volk der Schrottels wohnt.(7 Silben)

Eine stimmig gereimte Strophe.

Beispiel 2

Im tiefen, dunklen Weltall draußen (9 Silben)
noch sehr viel weiter als der Mond, (8 Silben)
da gibt es eine Welt wie unsere,      (10 Silben)
wo das kleine Volk der Schrottels wohnt. (9 Silben)

Dieser Strophe holpert etwas.
Das stört den Leserhythmus.

Wenn man sich nicht sicher ist, kann man die Silben zählen. Stimmen die bei den sich reimenden Zeilen überein, holpert nichts. (Beispiel 1)

Stimmen sie nicht überein, holpert es. (Beispiel 2)

Eigentlich sollte man meinen, das holprige Reime nicht vorkommen, schon gar nicht im Bilderbuch. Dem ist aber nicht so. Mir begegnen oft unstimmige Reime und das finde ich ärgerlich, besonders deshalb, weil sie mit etwas Überlegung durchaus besser gemacht werden könnten.

Andererseits denke ich manchmal, dass ich wohl noch nicht tief genug in die Wissenschaft der unterschiedlichen Reimschemata eingetaucht bin und mir da noch einiges fehlt. Sei`s drum. Ich finde, die Hauptsache ist, dass der Sprachrhythmus stimmt und der Text flüssig rüberkommt.

Wer sich mit den vielen unterschiedlichen Reimschemata näher beschäftigen möchte, findet hier ausführliche Informationen: http://de.wikipedia.org/wiki/Reim

Ich experimentiere gerne mit gereimten Texten.
Braucht ein Gedanke, eine Handlung etwas mehr Raum, kann die Strophe vielleicht 6 oder 8 Zeilen lang sein.
Kann ich in der nächsten Strophe schnell auf den Punkt kommen, reichen 4 oder sogar 2 Zeilen.

Hier ein Beispiel aus meiner Geschichte: «Wilde Kinder»

Auf der andren Straßenseite,
schon von Weitem gut zu sehn,
will grad unser Lehrer Baumann
mit seinem Hund spazieren gehen.
Wir bestürmen ihn mit Fragen,
Antwort gibt er sehr bedacht –
zwischenzeitlich wird der Bello
von der Leine losgemacht.

„Bello“, ruft der Lehrer Baumann,
„komm bei Fuß, und zwar sofort.“
Wir sind weg und auch der Bello,
ist schon längst an andrem Ort.

und dann:

Wir kichern hinterm Gartenzaun,
so was ist uns zuzutraun.

Die ersten 8 Zeilen mussten auf eine Seite.
Für die nächste Seite reichten dann 4 Zeilen und der abschließende Zweizeiler in einem anderen Reimschema, passt ebenfalls.

Einmal bedankte sich ein Verlag für das schöne Gedicht.
Gedicht? Ich schreibe Geschichten und keine Gedichte – dachte ich. Dann wurde mir klar, dass eine gereimte Geschichte natürlich als Gedicht gesehen werden kann, als erzählendes Gedicht – und ein erzählendes Gedicht bezeichnet man als Ballade.

Kurzer Exkurs über das Wesen der Ballade

Nach einer Definition aus dem französischen 13. Jahrhundert ist eine Ballade ein strophisch gesungenes Tanzlied, das der Tanzende selbst vortrug und darin in volkstümlicher Darstellung von auffallenden Ereignissen berichtet.

Die Grundstruktur einer Ballade ist die Epik, das Erzählende. Aber, und das macht uns diese literarische Gattung so interessant, alle drei Formen der Poesie, die Epik – das Erzählende, die Lyrik – die Form und die Dramatik – der Monolog oder Dialog, stehen dem Balladendichter offen, und machen die Ballade zu einer äußerst vielseitigen Kunstform.

Mir wurde klar, dass ich mit diesen drei Formen der Poesie bei allen meiner gereimten Geschichten herumgespielt hatte.

Lediglich vor der Dramatik, den Monologen und Dialogen im Bilderbuch möchte ich warnen.

Sparsamer Umgang mit Dialogen

In einem Roman hat der Dialog/Monolog eine entscheidende Funktion. Er soll die Handlung vorantreiben, Spannung aufbauen, Informationen übermitteln, Protagonisten charakterisieren und vieles mehr.
Nicht so im Bilderbuch!
Hier müssen Dialoge mit Vorsicht behandelt werden. Es gilt: So sparsam wie möglich einsetzen!
Dialoge lassen sich nicht illustrieren!
Wird also zuviel geredet, hat der Illustrator ein Problem.
Ich mache mir beim Schreiben immer sofort Notizen, ob und wie sich eine Szene bildhaft umsetzen lässt.

Den Nachahmungsaspekt berücksichtigen.

Es ist wichtig, dass die Protagonisten in Bilderbuchgeschichten, keine Dinge tun, die, wenn die Kinder sie nachmachen, ein Gefahrenpotenzial beinhalten könnten.
Natürlich sind die Kinder heutzutage gewohnt, Zeichentrickfilme zu sehen, in denen Figuren aus großen Höhen herunterfallen, für einen Moment platt wie eine Flunder am Boden liegen und sich dann wieder regenerieren. Das wird kein Kind nachmachen.

Beim Bilderbuch ist das anders.
Das Kind identifiziert sich stärker mit dem Helden. Es bekommt die Geschichte mehrfach vorgelesen, schaut sich die Bilder immer wieder an und ist viel intensiver im Geschehen verankert als in einem Zeichentrick- oder Animationsfilm.

In einer meiner Geschichten baute sich mein Held eine Sandhöhle in den Dünen am Strand. Einige Wochen bevor ich den Text schrieb, war auf der nordfriesischen Insel Amrum ein kleiner Junge in einer selbst gebauten Sandhöhle erstickt, weil sie über ihm zusammengebrochen war. Das hatte ich zwar mitbekommen, beim Schreiben aber überhaupt nicht mehr daran gedacht.
Meine Lektorin machte mich darauf aufmerksam und bat mich die Stelle umzuschreiben, was kein Problem darstellte. Ich machte aus der Höhle eine Bude und der Vorsicht war Genüge getan.

Vermutlich werden jetzt einige sagen: «Mein Gott, alles kann man doch nicht berücksichtigen.» Richtig! Kann man auch nicht. Aber man kann eine gewisse Sensibilität in diese Richtung entwickeln. Das reicht oft schon aus, um solche Dinge zu vermeiden. Und wenn man seine Geschichten auch unter diesem Gesichtspunkt überarbeitet, ist man auf der sicheren Seite.

Illustrierbarkeit

Die nächste Frage, die man sich stellen sollte, wenn der Text fertig ist:
Kann man das überhaupt illustrieren? Besser noch: Man stellt sich diese Frage schon während des Schreibens. Am besten bei jeder Szene.

Bevor ich genauer darauf eingehe, möchte ich einige grundsätzliche Überlegungen zum Thema Illustration anstellen.

Ich erwähnte ja anfangs schon, dass man ein Bilderbuch nicht selber illustrieren muss. Dafür sorgt in der Regel der Verlag. Es gibt Autoren, die beides können. Aber das sind wenige.

Sollte jemand gut mit Stift, Pinsel und Farbe umgehen können, heißt das noch lange nicht, dass derjenige auch ein Kinderbuch illustrieren kann. Illustration bedeutet so unendlich viel mehr, als nur zeichnen zu können und mit der Farbenlehre vertraut zu sein. Das beherrschen viele. Aber eine Figur zu entwickeln, sie dann in unendlich vielen verschiedenen Variationen wiederzugeben, so, dass sie immer als solche erkennbar ist und man ihren jeweiligen Gefühlszustand erkennt, ist etwas ganz anderes und setzt ein umfangreiches Wissen und Können voraus.
Eins der Geheimnisse bei guten Zeichnern/Illustratoren ist ein flüssiger, lockerer und lebendiger Strich. Eine sich bewegende Figur, bei der mehrmals radiert und ausgebessert wurde, bis die Laufbewegung endlich stimmt, wird oftmals gerade dann steif und unbeweglich wirken. Ist der Strich aber leicht und flüssig, überträgt sich das sofort auf die bildhaft dargestellte Bewegung: Die Figur lebt auf dem Papier.

Wenn man Geschichten illustrieren möchte, dass aber nicht gelernt hat, sollte man sich, so wie es auch Autoren mit ihren Texten machen sollten, mit Anderen zusammenschließen und versuchen, möglichst viel zu lernen. Bei vielen Büchern von Self-Publishern fällt es mir schwer zu glauben, dass sich der Illustrator jemals andere Bilderbücher angeschaut hat. Das aber sollte man auf jeden Fall tun! Nichts ist lehrreicher, als die Arbeiten anderer Künstler zu studieren. Das haben uns die großen Meister der bedeutendsten Kunstepochen der letzten Jahrhunderte eindrucksvoll vorgemacht und auch heute sieht man in Museen noch oft Studenten, die die Werke der großen Meister kopieren.

Ich finde übrigens, dass eine schlechte Illustration auch dem Autor nicht sonderlich zugutekommt. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Auch die Bildkomposition (meistens über 1 Doppelseite) verlangt den Künstlern einiges ab. Und für ein Bilderbuch müssen sie nicht einmalig ein Bild komponieren. Beim 24 Seiten Bilderbuch sind 11 Doppel- und 2 Einzelseiten zu gestalten. Dazu kommt noch die Coverillustration. Auch hier sind besondere Kenntnisse gefragt.
Weiterhin müssen sie Freiräume für den Text berücksichtigen. Läuft der Text in Figuren oder Gegenstände, wirkt das störend und die Bildharmonie leidet. Die Illustratorin weiß im Vorfeld, welchen Text sie wo unterbringen muss und komponiert freie Flächen in den Aufbau (Himmel, Wiese, Wasser etc.), ebenso weiß sie, wo der Seitenschnitt verläuft.
Das wissen Hobbymaler meistens nicht, oder machen sich keine Gedanken darüber.
Wenn an solchen Stellen Details auftauchen, die dann durch den Schnitt kaum noch zu erkennen sind, weiß man sofort, dass hier jemand am Werk war, der Grundlegendes nicht verstanden hat. Passiert häufig! Meistens bei Künstlern, die, wie oben schon erwähnt, mit Stift und Farbe umgehen können, aber eben keine Illustratoren sind.

Ich kann nur dringend empfehlen, die Finger von der Illustration zu lassen, wenn man das nicht gelernt hat. Profis erledigen diesen Teil der Arbeit erheblich besser und effektiver.

Abwechslungsreiche Szenen schreiben/Schauplätze ändern

Hat man den Text also auf die Seiten aufgeteilt, muss man schauen, ob die Szenen abwechslungsreich sind.

Beispiel:
Eine Geschichte spielt in einer Küche. Die Protagonisten sind immer in der gleichen Umgebung zu sehen. Das lässt dann kaum Spielraum für den Ideenreichtum der Illustratoren und kann schnell eintönig werden. Am Schönsten ist es, wenn auf jeder Doppelseite ein neues Szenario, ein neuer Schauplatz auftaucht.

Beispiel:
Die Geschichte beginnt im Hasendorf, dann geht es auf den Bauerhof, dann in die Hasenwerkstatt, in der Nacht starten die Osterhasen zum Eierverstecken, eine Nachtszene im Wald, Eierverstecken im Garten, die Kinder kommen, der kleine Hase beobachtet alles usw.

Jede Doppelseite, jede neue Szene ermöglicht eine ansprechende, abwechslungsreiche Illustration. Die Kinder können auf jeder Seite etwas Neues entdecken.

Doppelinformationen vermeiden.

Eine Information, die im Text deutlich rüberkommt, muss nicht auch noch durch die Illustration wiederholt werden und umgekehrt.

Beispiel:
Text: Der kleine Osterhase Ben hat seinen roten Lieblingspullover angezogen, nimmt sich den Korb mit den bunten Ostereiern und macht sich auf den Weg.

Illustration: Hier muss der Illustrator den kleinen Hasen natürlich mit seinem roten Lieblingspullover darstellen. Auch den Korb mit den bunten Ostereiern muss er umsetzen.

Wenn man sich darüber schon beim Schreiben im Klaren ist, kann man den Text vorteilhaft kürzen, eine Maßnahme, die beim Verfassen von Bilderbüchern oft notwenig wird.

Es könnte dann einfach heißen: Der kleine Ben macht sich auf den Weg.

Natürlich muss der Illustrator wissen, dass Ben einen roten Lieblingspullover hat, aber das kann er entweder an anderer Stelle erfahren oder man macht eine entsprechende Randbemerkung/Illustrationsvorschlag/Regieanweisung.
So lassen sich Dopplungen vermieden und die Geschichte wird straffer.

Bei meinen ersten Geschichten habe ich jeweils meine Illustrationsideen unter den Text geschrieben. Das kann, muss aber nicht unbedingt gut sein, weil Illustratoren sich dadurch eingeengt fühlen können. Heute beschränke ich mich auf unbedingt notwendige Hinweise.

Beispiel Illustrationshinweis:
Ben trägt immer seinen roten Lieblingspullover – Elli hat schwarze Locken – Herr Müller ist kugelrund.

Dann brauche ich viele Dinge nicht zu schreiben und habe mehr Textspielraum. Das mag vielleicht etwas übertrieben klingen, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass es manchmal wirklich auf ein paar Worte ankommt, die der Textrahmen nicht mehr verkraftet.

In der Realität ist es oft so, dass Autor und Illustrator während der Entstehungsphase des Buches keinen Kontakt haben. Im Lektorat wird entschieden, wer illustriert. Anhand der eingereichten Probeillustrationen entscheidet das Lektorat, an wen der Auftrag erteilt wird. Würde der Autor hier noch ein Mitspracherecht einfordern, könnte es ziemlich aufwendig und kompliziert werden. Alle Wünsche kann niemand berücksichtigen.
Der Autor kann sich auch nicht aussuchen, wer seinen Text gestalterisch umsetzt. Gut, es mag möglich sein, dass, wenn man bekannt ist, der Verlag Wünsche respektiert. Die Regel ist das aber nicht.

Als Self-Publisher hat man da natürlich andere Möglichkeiten – wenn man denn bereit ist, dafür etwas tiefer ins Portemonnaie zu greifen. Die meisten selbst verlegten Bilderbücher, die ich gesehen habe, sind nicht professionell illustriert und das hängt vermutlich damit zusammen, das es vielen einfach zu teuer ist.
Eine professionelle Bilderbuchillustration über 24 Seiten + Cover/Umschlag ist mit Sicherheit nicht unter 3.500,- Euro zu haben. Das ist keine geschätzte Zahl. Ich habe mir schon des Öfteren von Illustratoren Kostenvoranschläge eingeholt.
Das nur so nebenbei am Rande.

Man muss sich darauf einstellen, dass die Bilder, die man beim Schreiben im Kopf hatte, völlig anders sind als die, die man am Ende präsentiert bekommt. Darum stelle ich mir beim Schreiben nicht mehr so genau vor, wie der kleine Hase Ben letztlich aussehen soll. Okay, roter Pullover. Was ich als Autor beeinflussen kann, ist der Charakter! Jemand, der lustig, spritzig und frech ist, wird bestimmt nicht mit braver Frisur und gebügelter Hose dargestellt, da vertraue ich den Illustratoren.
Weitere Protagonisten stelle ich mir nur ungefähr vor: dickes Schaf, alter Esel, fauler Hund. Das reicht!

Eine erfahrene Bilderbuchlektorin hat viele Illustratoren in ihrem Pool und weiß meistens genau, wer welchen Text gut umsetzen kann.

Der Ergebnis

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da sieht man ein Layout, meistens, kurz bevor das Buch endgültig in die Herstellung geht. Die Bilder sind fertig und der Text ist eingepasst. Jetzt hat man die Möglichkeit einer letzten Überprüfung.
Nach Möglichkeit sollte das Layout, das man zu sehen bekommt, farbig sein, was sich heute, im digitalen Zeitalter problemlos machen lässt. Farbig deshalb, um zu kontrollieren, dass der Pullover von Ben auch wirklich rot ist. Peinlich, wenn der rote Pullover im Text erwähnt wird, Ben aber einen blauen trägt. Hier mögen einige jetzt ungläubig schmunzeln, aber ich kenne Fälle, wo das wirklich passiert ist.
Also: Sorgfältig kontrollieren!
Nobody is perfect!
Wer lange mit einem Text und den Bildern arbeitet, läuft Gefahr vom Virus der schon erwähnten Betriebsblindheit befallen zu werden. Das gilt für Autoren, Illustratoren und Lektoren gleichermaßen.

Von dem Augenblick an, an dem ich die Geschichte verkauft habe, bis zu dem Moment, an dem ich ein Kontrolllayout in den Händen halte, vergehen locker 1 – 1 ½ Jahre. Manchmal dauert es sogar noch länger. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Geschichte aus meinem Kopf. Nun hat man einen frischen, freien Blick. Und das ist gut. Es ist so, als würde man die Geschichte zum ersten Mal lesen. Der Illustrator hat eine Welt bildhaft gestaltet, die vorher nur im eigenen Kopf, in den eigenen Worten vorhanden war.
Das ist immer ein ganz besonderer Augenblick.

Jetzt können Fehler noch ausgebessert werden.
Einmal fiel mir auf, dass eine Illustration spiegelverkehrt eingebaut war. Nicht unbedingt ein Problem. Allerdings sah man das abgebildete Autokennzeichen jetzt ebenfalls spiegelverkehrt, was bis dahin niemandem aufgefallen war.

oder:

Im Text heißt es: Papa setzt sich hinters Steuer und fährt los. Auf dem Bild sitzt aber Mama am Steuer.

In so einem Fall kann man den Text ändern und die Sache ist erledigt. Die komplette Illustration zu ändern, ist zu diesem Zeitpunkt meistens sowieso nicht mehr möglich, und wenn es doch erforderlich sein sollte, kann es kostspielig werden. (für den Verlag)

Zum Glück passiert so etwas selten, aber wie gesagt: Ein kritischer Blick in der Schlussphase kann nie schaden.

Meistens weiß ich natürlich lange im Vorfeld, wer welche Geschichte illustriert und mache mich im Internet schlau. Dann kann ich sehen, wie der Künstler arbeitet und mir ein ungefähres Bild machen. Manchmal freue ich mich, weil ich sofort sehe: Das wird gut! Manchmal kann ich mir eine Umsetzung in dem Stil des Künstlers nicht vorstellen.

Trotzdem dauert es nie lange, bis ich mich mit dem Ergebnis angefreundet habe. Oft bin ich positiv überrascht, was der Illustrator in meiner Geschichte gesehen und aus dem Text herausgeholt hat.

Ich finde es übrigens wichtig, spätestens nach Erscheinen des Buches Kontakt mit dem Illustrator aufzunehmen und mich für die Arbeit zu bedanken. Das ist, wie ich erfahren habe, wohl nicht die Regel. Ich finde es aber wichtig und richtig.
Bisher haben sich alle Illustratorinnen darüber gefreut und es sind schöne neue Kontakte entstanden. Möglicherweise hat man später die Möglichkeit, dem Verlag einen Wunschillustrator vorzuschlagen, oder aber, wie ich es gerade mache, bei einem Self-Publisher-Projekt, mit jemandem zu arbeiten, den man toll findet.

Bilderbücher lesen

Wenn man Bilderbücher schreiben möchte, ist es natürlich sinnvoll, selbst viele gelesen zu haben und einen großen Fundus an Bilderbüchern zu besitzen. Gut, man kann natürlich in Bibliotheken oder Buchläden gehen und sich viel anschauen. Aber wie viel davon bleibt tatsächlich im Gedächtnis?
Bei mir nicht genug. Also kaufen!

Zu teuer? Okay, gute Bilderbücher kosten locker zwischen 10,- und 20,- Euro, das stimmt.

Aber es gibt andere Möglichkeiten. Einmal die schon erwähnte Bilderbuchzeitschrift Gecko und dann natürlich die bekannten und beliebten Pixi-Bücher.

Sie spiegeln, im kleinen Format, alles wieder, was ein gutes Bilderbuch braucht und sind mit 99 Cent durchaus erschwinglich. Ich wühle immer in den Pixi-Männchen rum, die nicht nur in Buchläden, sondern auch in Supermärkten, an Tankstellen oder in Kaufhäusern zu finden sind, und suche nach Schätzen. Natürlich gefällt mir nicht alles, aber ich habe schon manches Highlight entdeckt. Wenn man pro Monat 10 Pixis ersteht, kommt schnell einiges zusammen.
Am Anfang hatte ich versucht, Kindern, die ich kannte, und die zum Teil aus dem Pixi-Alter heraus waren, ihre Pixis abzukaufen.
Fehlanzeige!
Selbst gegen gute Bezahlung ließ sich kein Kind darauf ein. Da wurde mir klar, wie bedeutend manche Bücher, speziell die ersten Bilderbücher, für Kinder sind.

Heute werde ich manchmal auch auf Flohmärkten fündig und so umfasst meine Sammlung mittlerweile einige Hundert Exemplare. Sie sind für mich genauso wichtig wie der Duden oder andere Nachschlagwerke.

Schlusswort

Liebe Kolleginnen und Kollegen, soviel für heute. Bilderbücher schreiben macht Spaß und man hat so unendlich viele Möglichkeiten, seine Ideen umzusetzen. Ich bin sehr gespannt, was die Zukunft bringt, was noch alles auf seine Entdeckung wartet. Wer in diesem Artikel etwas Nützliches für sich finden konnte, darf es mir gerne mitteilen. Ich freue mich über Kommentare, Tipps und andere Anregungen.

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