Clustern! Clustern?

In vielen Schreibratgebern wird das Clustern als eine Kreativitätstechnik vorgeschlagen, die dem Schreibenden neue, bisher unbekannte Wege aufzeigt, bzw. ihn in Dimensionen eindringen lässt die sich bisher dem Bewussten nicht geöffnet haben. Oder so ähnlich halt.

Diese Methode war mir schon während des Studiums in den 1970er Jahren bekannt.
Schon damals mochte ich sie nicht.

Jetzt, wo ich mich als Anfänger mit dem Handwerk des Schreibens auseinandersetze, begegnet mir das Clustern an jeder zweiten Ecke und ich kann mich immer noch nicht damit anfreunden. Das führt natürlich dazu, dass ich mich mit meiner Ablehnung auseinandersetzen muss – lästig, aber wohl notwendig.

Ein Versuch:
Nehmen wir mal an, ich will eine Ostergeschichte für Kinder schreiben. Leider gibt es schon unzählige Geschichten zum Thema Ostern und Kinder. Mir sollte also, um aus der Unmenge an schon Geschriebenem herauszustechen, etwas Neues, bisher noch nicht da Gewesenes, einfallen. (Man hört ja immer, dass Verlage fragen: Was ist das Besondere an ihrer Geschichte, ihrem Buch? Warum sollten wir gerade ihr Buch herausbringen? Worin unterscheidet es sich von anderen Büchern? usw.)
Okay! Ich mache ein Cluster.

Ausgangswort: Ostern
Cluster-Ostern
Ich hör erst mal auf. Das Cluster ließe sich natürlich noch um einiges erweitern.
Die dick umrandeten Begriffe: Kreuzigung, Farbe, und Spiegelei lassen bequem noch tiefere Ausflüge in Bereiche wie: religiöser Fanatismus, Chemie und Ernährungsproblematik zu. Das soll und wird aber in meiner Kindergeschichte nicht vorkommen.
Alle anderen Begriffe, wie auch immer ich sie verknüpfe, ergeben Zusammenhänge, die es schon in unzähligen Geschichten gibt.

Zur Erinnerung: Es geht mir hier um meine eigene Auseinandersetzung mit dem Thema Clustern, nicht um eine Bewertung, ob das eine gute oder schlechte Methode ist.

Was mache ich also?
Ich stelle fest:

Wörter wie: Schraubenzieher, Drehorgel, Zahnschmerzen, Schaukelstuhl oder eben tausend andere, die keinen unmittelbaren Zusammenhang zu Ostern aufweisen, tauchen in meinem Cluster nicht auf. Logisch!

Ich will aber neue Ideen, neue Zusammenhänge.

Ich mache ein Brainstorming, nehme den Osterhasen aus Ausgangswort und gehe in etwa nach dem Prinzip vor: Was wäre wenn … (hab ich von Stephen King)

z.B. Osterhase hat Zahnschmerzen, ersetzt den Affen beim Drehorgelmann, braucht einen Schraubenzieher, weil er etwas reparieren muss, will einen Schaukelstuhl zum Relaxen, hat Angst vor Hunden, fährt gerne Karussell, hat sich ein Bein gebrochen, usw.

Brainstormen ist ein assoziativer Vorgang. Es wird nicht überlegt, nicht nachgedacht. Es wird einfach alles hingeschrieben, was im Moment des Schreibens im Kopf auftaucht. Das geht sehr schnell und ich finde es äußerst spannend. Meistens reichen 2-3 Minuten aus und die unglaublichsten Dinge stehen auf dem Papier.

Der Hase hat eine Hühner- oder Eierallergie, ist vielleicht farbenblind, macht Winterschlaf und verpennt Ostern (ich weiß, dass Hasen keinen Winterschlaf machen, wäre aber doch mal eine schöne Idee;-)
Auf diese Weise finde ich Kombinationen, die beim Clustern nicht aufgetaucht wären.

Über Schaukelstuhl, relaxen, entspannen, ausruhen bin ich auf «faul» gestoßen.

Bingo!

Ein Osterhase, der lieber träumt und in die Sonne guckt, anstatt Ostereier zu bemalen. Daraus ergeben sich tolle Konsequenzen, die einen wunderbaren Plot ermöglichen.
Eine schöne, neue Idee – aufgetaucht durch Brainstormen!
Die Geschichte zu schreiben ging dann sehr flott.
Entstanden ist: «Der faule Osterhase», erschienen im Frühjahr 2014 bei Carlsen als Pixi-Buch.

Illustriert von Eleonore Gerhaher, die meinen Text wunderbar erfasst und umgesetzt hat.

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Jetzt eben habe ich drei weitere Ostergeschichten auf diese Weise geschrieben, die alle etwas Neues, bisher so noch nicht Geschriebenes enthalten. Alle drei konnte ich verkaufen!

Fazit:
Lieber Brainstorming zu einem Thema unter dem Gesichtspunkt: Was wäre wenn … – als Clustern.
Clustern führt mich immer nur in Bekanntes. Möglich, dass man auch daraus einige Dinge zusammenführen kann, die vorher nicht so präsent waren und dadurch auf neue Ideen kommt – bei mir scheint das allerdings nicht zu funktionieren.

Zahnschmerzen, Schaukelstuhl, Winterschlaf oder Schraubenzieher tauchen eben beim Clustern mit dem Ausgangswort Ostern nicht auf.

Im Lebkuchen-Cafe Schulze in Borgholzhausen

Im Lebkuchen-Cafe Schulze in Borgholzhausen

Wie gesagt, meine Methode. Ich freue mich, wenn jemand etwas damit anfangen kann – Feedback ist gerne gesehen.

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