Hjorth und Rosenfeldt und was Autor/-innen von ihnen lernen können

Mit Begeisterung habe ich in den letzten Wochen die Krimis von Hjorth und Rosenfeldt gelesen.
Zugegeben, der Hauptprotagonist Sebastian Bergmann ist ein ziemlich widerliches Scheusal, gleichzeitig aber auch ein armes Schwein und man schwankt beim Lesen zwischen einem Ungläubigen: «Das kann doch nicht sein» und «Mein Gott ist das ein armer Sack».
Aber das allein ist es natürlich nicht, was die, wie ich finde, unglaublich gute Qualität dieser Bücher ausmacht.

Ich versuche mal, einen kurzen Überblick zu erstellen, warum ich denke, dass diese Romane ein exzellentes Lehrstück dafür sind, wie gute, spannende Geschichten aussehen können.

Alles sehr subjektiv, klar. Aber vielleicht ist es für den Einen oder die Andere trotzdem nützlich,

Erinnern wir uns, was einen guten Roman ausmacht:

1. glaubwürdige Protagonisten, mit denen man mitfühlen kann, die sich dem Leser ins Herz bohren, die eine Entwicklung durchlaufen, die permanent mit Problemen/Aufgaben konfrontiert werden, die sie lösen/bewältigen müssen.
2. Ein interessanter, spannender Plot, der nicht von vorneherein zu durchschauen ist, der immer wieder Überraschungsmomente aufweist, der verschiedene Spannungshöhepunkte hat, der in jeder Beziehung stimmig ist und der ein Ende, eine Auflösung präsentiert, die man so nicht erwartet hat.
3. Ideen, die es in dieser Form noch nicht gab.
4. Entwicklung und Beschreibung der Romanwelt, die es erlaubt hineinzutauchen, mit dem Gefühl, das alles passt.
5. Gute Dialoge, die die Handlung nach vorne bringen und nie langweilen.
6. Nichts Überflüssiges schreiben. Eleminieren, was nicht dem Fortgang der Geschichte dient.
7. Die Wahl und das Durchhalten der richtigen Erzählperspektive.
8. Die Handwerkzeuge des Schreibens beherrschen.
9. Gute Cliffhänger

Ich weiß, dass es noch weitere Kriterien gibt, aber das soll erst mal reichen, um aufzuzeigen, wie Hjorth und Rosenfeldt arbeiten.

Die Protagonisten:

Sebastian Bergmann – Kriminalpsychologe und Profiler
Die Reichsmordkommission:
Torkel Höglund – Chef
Ursula (mir fällt gerade der Nachname nicht ein) – Tatortspezialistin/Spurensicherung
Vanja Lithner – Ermittlerin
Billy Rosen – Ermittler/Recherche- und Computerexperte

Alle Protagonisten sind erstklassig komponiert. Alle haben neben dem eigentlichen Fall, den es zu bearbeiten gibt, einen ziemlichen Berg an persönlichen Problemen zu bewältigen. Das geht von den Leichen im eigenen Keller bis hin zu den unterschiedlichsten Beziehungen die sie untereinander haben.

Auch die Personen im engeren Umfeld der Hauptprotagonisten (Ehepartner, Ex-Partner, Familienangehörige, Freunde etc.) spielen oft eine wesentliche Rolle, weil sie so gut skizziert sind, dass sie dazu beitragen, den Hauptcharakteren noch mehr Profil zu geben, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen oder die Handlung zu unübersichtlich zu machen.

Ähnliches gilt für Nebenpersonen der Handlung, die zum Teil in mehreren Romanen auftauchen, nicht wesentlich zur Lösung des Falles beitragen, aber trotzdem wichtig und bedeutsam sind. Nicht zuletzt deshalb, weil man sich als Leser/-in vergnüglich an ihnen erfreuen kann.

Auch die Antagonisten (Täter) werden extrem gut dargestellt. Oftmals weiß der Leser sehr viel über die entsprechende Personen, ohne zu wissen, wie sie heißen und wer sie sind. Das trägt wesentlich zum Spannungsaufbau bei.
z.B. Der Mann, der kein Mörder war, machte das und das … usw.

Der Plot:

Die Fälle, die die Reichsmordkommission zu lösen hat, sind außergewöhnlich. Bisher war das in allen vier Bänden so.

Der Mann, der kein Mörder war.
Die Frauen, die er kannte.
Die Toten, die keiner vermisst.
Das Mädchen, das verstummte.

Über die Handlungsstränge will ich hier jetzt nicht zu viel verraten, aber allein die Titel könnten einen aufhorchen lassen.

Parallel zur Lösung der Fälle, passiert einiges mit den Hauptprotagonisten. Sie werden mit neuen, persönlichen Konflikten konfrontiert oder schaffen es, für sich selbst oder untereinander Klarheiten zu schaffen. (oder aber eben weitere Unklarheiten aufzubauen) Die Konfrontation, aber auch die Lösung derartiger Probleme trägt oftmals zur Lösung des Falles bei, an dem die Gruppe gerade arbeitet.
Das finde ich einzigartig und überaus gelungen.

Mit anderen Worten, die Lösung der ungewöhnlichen, intelligenten Kriminalfälle ist ebenso spannend wie die Entwicklungsgeschichte der ermittelnden Protagonisten. Dadurch erreichen die Romane eine Dichte, die ihresgleichen sucht und die (zumindest bei mir) eine Lesesucht hervorgerufen hat, wie ich sie nicht bei jedem Buch erlebe.

Interessant ist auch, dass oftmals die Gedanken und Überlegungen Einzelner genau beschrieben werden. Dadurch ist es dem Leser möglich, tief in das Innere von Personen einzutauchen und zu erleben, wie diese die Zusammenhänge wahrnehmen oder interpretieren. Das eröffnet neue Perspektiven, wie die Geschichte weitergehen könnte, wer der Täter sein könnte oder auch nicht. Natürlich stimmen diese Überlegungen nicht immer und auch die Tatsache, dass der Leser eventuell früher weiß, dass die entsprechende Person falsch liegt, erhöht den Reiz und die Spannung.

Die Autoren spielen elegant mit der Perspektive des auktorialen Erzählers, der alles weiß und dieses Wissen gnadenlos einsetzt um seine Leser/-innen gut zu unterhalten.

Hjorth und Rosenfeldt haben erstklassige Krimi-Unterhaltungsliteratur geschaffen und stehen zu Recht an der Spitze der Bestsellerlisten der internationalen Unterhaltungsliteratur.

Angehende Autor/-innen sollten diese Romane studieren, auch wenn Krimi nicht ihr gewähltes Genre ist. Es lässt sich sehr viel daraus lernen.

Kurz noch ein paar Worte zu den Verfilmungen.

Der Mann, der kein Mörder war und Die Frauen, die er kannte, wurden in einer Gemeinschaftsproduktion (u.a. ZDF) verfilmt.

Bisher habe ich nur: Der Mann, der kein Mörder war, gesehen und das war sehr, sehr enttäuschend.

Rolf Lassgard als Sebastian Bergmann halte ich für eine komplette Fehlbesetzung. Ich schätze Lassgard sehr, aber für diese Rolle hätte man ein unbekannteres Gesicht nehmen sollen. Lassgards Dominanz als Wallander ist zu übermächtig und zumindest mir gelang es nicht, Sebastian Bergmann zu erkennen. Auch alle anderen Protagonisten bleiben farblos, die Story wirkt unbeholfen zurechtverstümmelt und bringt nicht mal ansatzweise die Stimmung des Romans rüber. Komplette Handlungsstränge wurden ausgelassen, weil sie wohl in den knapp 90 Minuten nicht unterzubringen waren. Vermutlich wäre es schlauer gewesen, die Fälle der Reichsmordkommission in einer längeren Serie, wie zum Beispiel Borgen, Kommissarin Lund, oder Transit, Brücke in den Tod anzulegen. In kurzer Spielfilmlänge lässt sich die Qualität der Story anscheinend nicht wirklich gut darstellen.

Die zweite Verfilmung, Die Frauen, die er kannte, habe ich auch, schaue sie mir aber vorerst nicht an.

Das Lesen der Bücher ist auf jeden Fall ein größerer Genuss.

Ich wünsche viel Vergnügen und jede Menge neue Erkenntnisse.

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