Kai Lüftner über die Kinderbuchbranche

Das geht alle an, die Bücher für Kinder schreiben.
Schon mehrfach veröffentlicht, aber hier nochmal, damit er bloß nicht vergessen wird.

Kai Lüftner – Kreativitäter

Das große Klein-Gemache oder: eine Branche ohne Wert!

Guten Tag.

Mein Name is Kai. Ich bin seit ca. drei Jahren sowas wie ein Autor, ein Kreativitäter der sich für die Zielgruppe Kind entschieden hat. Und irgendwie hab ich grad voll Erfolg und so – mehrere Bücher bei verschiedenen Verlagen, Preise, Auslandslizenzen, Hörbücher, Musik-CDs und ne Planungssicherheit für die nächsten drei – vier Jahre! Wow, oder?

Ja, alles cool eigentlich! Nich hinterfragen, sondern dankbardankbardankbar sein und einfach genauso weitermachen!
Hinter der Doppeldeckung den Rückenwind genießen, so lange er weht. –
Is mir aber leider irgendwie nich möglich! Denn hier läuft gewaltig was schief!

Ich komme vom Hörbuch, hab u.a. für Comedians und TV-Produktionsbuden geschrieben, war als Redakteur für Radio oder Printmedien tätig. Und was soll ich sagen? – Es waren fast alles Scheißjobs, gegen die ich mich letztlich ganz bewusst entschieden hab!

Aber, Momentchen, jedes einzelne mal hab ich trotzdem besser verdient als jetz, wo ich meine eigenen Inhalte kreiere. Inhalte für Kinder. Für das Wichtigste im Leben! Oder?
Ähm, hat meine Arbeit denn eigentlich einen Wert wenn sie so schlecht vergütet wird?
Für die Zielgruppe?
Die Verlage?
Mich selbst?

Das Thema ist nich neu. „Erfolgreich, aber arm!“ titelte gerade erst ein NDR-Bericht, indem unter anderem meine geschätzte Kollegin Antje Herden tief über die raue Wirklichkeit für uns Kinderbuchautoren blicken ließ. Aber durch is das Thema noch lange nich, denn man hat noch ein paar wesentliche Punkte außer Acht gelassen, finde ich!

Als es hieß, ich würde in eine große deutsche Talkshow eingeladen, sind Menschen, die seit Jahrzehnten in Presseabteilungen von Verlagen arbeiten, beinahe kollabiert. Das gab es ja noch nie! Wahnsinn! Einer „unserer“ Autoren? Im Fernsehen? – Ehrlich, als diese Nachricht so langsam durchsickerte, war das wie ein Paukenschlag in der Branche. Am Anfang hab ich das gar nich so richtig registriert, sondern einfach nur hingenommen – aber die Dimension dieses Ereignisses und die damit verbundene Aufregung hat mich rückblickend wirklich erschrocken – und vor allem zum Nachdenken gebracht.
Es scheint ganz normal zu sein:

Jeder Vollhorst, der mal n Stoppschild bei „GZSZ“ oder in der Lindenstraße gespielt und dann – unvermeidlich – seine Biographie oder einen Selbstverwirklichungs-Ratgeber veröffentlicht hat, wird durch alle existenten Talkshows gejagt und bekommt seine ihm offenbar zustehende Portion Öffentlichkeit.
Bamm, zwei Wochen Power-Promo später hat sich selbst der größte Rotz 20000 mal verkauft! Herzlichen Glückwunsch, Zweit- und Drittauflage – Bestseller –

Dankeschön!

Wir Kinderbuchautoren sind schon stolz wie Bolle, wenn wir mal im regionalen offenen Kanal kurz unser neues Werk präsentieren dürfen und nach einer Lesung in der Bibliothek von Klein Kleckersdorf drei signierte Exemplare aus unserem Bücherkoffer verscherbelt haben. Als Gimmicks noch die selbstfinanzierten Lesezeichen oder Autogrammkarten für die Kinder – und darauf hoffen, dass es im Backstagebereich noch Kaffee und Käsebrötchen gibt.

Das is übertrieben? Nich im Geringsten! Alles immer schön kleinklein. Und sich die ganze Zeit bewusst machen, in was für einer privilegierten Situation man is. – Hey, wir dürfen Kinderbücher schreiben, während andere richtig arbeiten müssen. Alles klar?
Und wo sind eigentlich die Stars der Branche? Wo sind die Gesichter zu den Namen derer, die erfolgreiche Titel produzieren? Wen kennt man denn noch, wenn man nich Händler, oder Blogger oder Verlagsmitarbeiter is?

Die alten Recken des Kinderbuchs klingen den meisten noch im Ohr: Michael Ende, Astrid Lindgren, Paul Maar, Ottfried Preussler, James Krüss, Enid Blyton, Erich Kästner – allesamt Stars! – Aber das is doch schon Jahre her! 10? 15? 20? Ich weiß es nich genau.
Heute fallen einem vielleicht noch Cornelia Funke, Kirsten Boje oder Andreas Steinhöfel ein. Wobei ich mir da nich mal wirklich sicher bin. – Und selbst diese Erfolgsautoren können vermutlich vollkommen unerkannt im Bademantel Brötchen holen gehen.

WIESO KÖNNEN SIE DAS? Wie is das möglich?

Während Herr Schätzing Schlüppa-Werbung macht, Herr Hohlbein ne eigene Doku-Soup im Privatfernsehen bekommt und Herr Fitzek sowieso n Popstar is, verdienen Jugendliteraturpreis-Gewinner ihren eigentlichen Lebensunterhalt als Synchronsprecher, geben Schreib-Workshops oder sind das ganze Jahr auf Tour, um über die Runden zu kommen!

Da platzt mir doch echt ne Ader!!!

Ich möchte brüllen: Hallo, hier sind wir! Die Frauen und Männer, die die Inhalte schreiben, die eure Kinder lesen! Meistens sogar gerne! Is es echt nich interessant, wie wir die Welt sehen, oder was wir über das Schreiben hinaus zu sagen haben? Is die Meinung eines Schauspielers, einer Nachrichtensprecherin, eines Pop-Musikers wirklich kategorisch so viel interessanter als unsere?

Ehrlich?

Ich hab allerdings auch das Gefühl, ein Teil dieses nicht zu leugnenden Zustandes resultiert aus der Selbstwahrnehmung der Branche selbst.
Sorry, ich will niemandem zu nahe treten, aber wann habt ihr euch das letzte mal breit gemacht für „eure Kunst“ oder „unsere Sache“?

Wer legt sich mit seinem Verlag an, wenn der die Prozente runterschraubt, irgendwelche Rechte über das Buch hinaus auf Lebenszeit besitzen möchte, Vorschüsse halbiert oder einfach mal nichts für das Produkt tut, nachdem es erschienen is?
Wer?
Ein großer Verlag für den ich arbeite war es scheinbar überhaupt nich gewöhnt, dass man die von ihm ausgestellten Vertragsangebote mit Anmerkungen zurück schickt. Das kannten die schlicht und ergreifend nich.

Einer meiner Lieblings-O-Töne aus unser schriftlichen Korrespondenz, als ich den Vertrag nach Prüfung durch meinen Medien-Anwalt zum dritten Mal zurückschickte und auf gewisse Dinge bestand:
„Man könnte anhand Ihres Verhaltens vermuten, Sie wollen gar nicht bei uns veröffentlichen!“
Doch, lieber Verlag, will ich!
Sehr gern sogar!
Ich will nur auch was davon haben! Ich möchte zum Beispiel die Hörbuchrechte behalten! Bei ein paar hundert angebotenen Euro Vorschuss, sollte man doch noch ein paar hundert Euro mehr aushandeln dürfen! Und nein, ich möchte nicht kategorisch meine Rechte an allen noch nicht bekannten Nutzungsmedien abtreten!

Vor allem, wenn ein Buch in der Herstellung so günstig is, wie ein Kinderbuch (billiger Autor, billiger Illustrator, billige Produktionskosten im Ausland), muss man sich als Verlag auch nich wirklich ins Zeug legen. Die paar Tausend Euro werden schon irgendwie wieder eingespielt – und wenn nich, egal! Versendet sich und macht sich ganz gut in der Backlist. Wird halt der nächste Autor ausprobiert, kein Ding!

Außerdem haben wir Kinderbuchschreiber auch scheinbar längst irgendwie akzeptiert in Nischen statt zu finden, außerhalb des Feuilletons und unterhalb des Wahrnehmungsradars der relevanten Medien. Eine positive Amazon-Rezi is uns schon mal ein Facebookposting wert! Hey, wenn andere nich über uns sprechen, müssen wir es eben selber machen!

Kürzlich zufällig mal Kinderradio gehört? Der einzige relevante und explizite Sender, den es gibt, spielt zu 50% Chart-Musik. Also Erwachsenen-Charts!
Es gibt eine einzige Sendung über Kinderliteratur im deutschen Fernsehen!

EINE! EINZIGE!

Hey, schau mal, ne dreizeilige Besprechung meines neuen Buches im kostenlosen Magazin der deutschen Bahn! Wahnsinn!
Das Land der Dichter und Denker verscherbelt seine Kinderbuchautoren am Krabbeltisch. Und wir basteln uns auch noch unsere Sonderangebots-Schildchen selber.

Mann ey, lasst mal was machen!

Wenigstens mit der Faust auf den Tisch hauen und kund tun, dass wir das mitbekommen, was hier mit uns abgezogen wird.
Wir müssen echt aufhören uns so klein zu machen, sonst sind wir so klein wie sie uns gerne hätten.
Die Verlage brauchen uns mehr, als wir die Verlage.

Verkauft euch nich unter Wert! Macht euer Ding – und das zu euren Bedingungen! Im Team zwar, aber als gleichberechtigte Partner, nich als Bedarfsschreiber! –
Das klingt einfacher als es is?
Stimmt nich – es is einfacher als es klingt.

Habt euch lieb! Ich tue es!

Kai

Kai Lüftner

Unbedingt Kai Lüftners Bücher lesen:

Für immer

Das Kaff der guten Hoffnung – Ganz oder gar nicht

Das Kaff der guten Hoffnung – Jetzt erst recht

 

Danke Kai, für diesen Text. Er kann gar nicht oft genug verbreitet werden!

Schreibe einen Kommentar