Kurzgeschichte: Auf keinen Fall Wasser

Eine schöne, einfache Schreibübung mit Ergebnis!
(nach A. Steele – Creativ Writing)

Schreiben Sie zehn Dinge auf, die Ihnen in der letzten Woche begegnet sind. Denken Sie dabei an Menschen, Ereignisse, Situationen, Vorfälle, Gedanken usw.

Wählen Sie aus der Liste ein Stichwort und überlegen Sie, ob und wie sich daraus eine Geschichte machen lässt.

Meine zehn Einfälle:

1. Besuch meiner Lektorin.
2. Eine junge Frau spricht mich im Café an.
3. Meine Frau bastelt Fröbelsterne.
4. Ich schreibe den Blogartikel Pink vs. Punk.
5. Ich trage eine bunt gepunktete Badehaube.
6. Ich kaufe zwei Billyregale bei IKEA.
7. Meinem besten Freund geht es gesundheitlich nicht gut.
8. Im Winter wachsen auch Pilze.
9. Paris – Charlie Hebdo
10. Die Staatsanwaltschaft meldet sich. Sie ist dem Typen, der mein Auto zu Schrott gefahren hat, auf der Spur.

Stoff für viele Geschichten. Die Woche war traurig und nervenaufreibend genug und ich entscheide mich für etwas Leichtes: die bunt gepunktete Badehaube.

Hier das Ergebnis:

Auf keinen Fall Wasser

Eine Kurzgeschichte von Rüdiger Paulsen

Ich hielt die Idee mit der Tupperdose von vorneherein für bescheuert.
Okay, lustig, aber eben bescheuert.
Einer HNO-Ärztin mit Humor begegnet man auch nicht alle Tage.
«In ihre Ohren darf in den nächsten zwei Wochen kein Wasser.»
Frau Dr. Westenkate grinste schelmisch und legte nach: «Machen sie was. Von mir aus setzten sie sich beim Duschen ne Tupperdose auf den Kopf, egal was, bloß kein Wasser, verstanden?»
Natürlich hatte ich verstanden, aber Tupperdose?
Ich schlug Wattekügelchen vor, was sie vehement abschmetterte.
«Nichts reinstopfen! Auch Ohropax ist tabu. Und prokeln sie auf keinen Fall mit irgendwas drin rum, Q-Tipps oder so. Abschotten, klar?»
«Schon gut, schon gut. Ganz taub bin ich noch nicht.»
Also Tupperdose.
Die Dinger schließen luftdicht ab, soviel wusste ich. Unklar war mir allerdings, wie sich das auf meinem Kopf bewerkstelligen ließ – und so eine Große hatten wir gar nicht, vermutete ich.
Meine Ohren sind halt anders. Das Ohrenschmalz wandert nicht nach außen, was bei den meisten Menschen der Fall ist, nein, es kullert ins Innere, verdrückt sich, setzt sich fest.
Verpfropfung nennt man das.
Das führt zu Hörproblemen und Juckreiz und, wie diesmal, zu einer Entzündung. Schmerzfrei zwar, aber permanentes Jucken nervt.
Dafür bekam ich Tropfen.

«Haben wir eine Tupperdose, die mir passt?»
«Wie?»
«Eine, die groß genug für meinen Kopf ist.»
Meine Frau liebt es, wenn ich sie zum Lachen bringe. Diesbezüglich ist sie einiges von mir gewohnt.
Ständig vor sich hingickelnd, kramte sie eifrig verschiedene Exponate aus einer Küchenschublade, in deren Tiefe ich noch nie vorgedrungen war.
Wir haben scharfe Reviergrenzen.
Mit einem Gummiband hätte man nette Karnevalshütchen basteln können, allerdings völlig duschuntauglich.
Die Salatschleuder besaß zwar die passende Größe, verdeckte aber Augen und Nase und ließ sich, und das war das Entscheidende, nicht sicher fixieren. Also auch keine Lösung.
Wir versuchten es mit Gefrierbeuteln der 4 Liter Klasse – ich hatte schon des Öfteren vergeblich größere Varianten vorgeschlagen – und scheiterten.
Der zurechtverstümmelte Gelbe Sack schaffte es ebenfalls nicht in die engere Auswahl.
«Du solltest dir Mr. Spock oder Elbenohren zulegen. Die müssten eigentlich alles gut abdecken», schlug meine Angetraute vor.
Ausgezeichnete Idee!
Ich entflammte sofort.
Vulkanier! Ein alter Traum erwachte.
Spockohren wären sicher auch im normalen Alltag interessant. An meinem fast haarlosen Schädel würden die vermutlich bombastisch wirken. Ich überlegte mir schon, wie ich auf erstauntes Nachfragen reagieren könnte.
«Ohren? Wie? Was für Ohren? Wieso? Ist was nicht in Ordnung?»
Bestimmt bekäme ich Unmengen von noch nie gesehenen Gesichtern präsentiert, die sich hervorragend literarisch verarbeiten ließen.
Bingo! Zwei Fliegen mit einer Klappe.
Wo kriegt man so was? Die Antwort präsentierte sich unmittelbar: Januar. Faschingszeit. Das sollte machbar sein.
Ich düste los.

«Haben sie Gummiohren?»
«Wie bitte?»
«Na so Dinger wie Mr. Spock, sie wissen doch, oder die Elben bei Tolkien.»
«Hm, wir hätten Ganzkopfmodelle, Gummi-Latex-Masken. Angela Merkel, Putin oder Horror.»
Merkel war indiskutabel. Außerdem hatten wir die schon als Zitronenpresse, aber Horror?
«Horror klingt gut. Zeigen sie mal.»
Sie drehte sich um, griff zielstrebig in ein Regal und drapierte Meister Yoda, Angela Merkel und Boris Karloff auf dem Tresen, verpackt in kleinen Boxen, die mit chinesischen Schriftzeichen überflutet waren.
Mit dem Genre Horror schien sie sich nicht besonders gut auszukennen, obwohl ihre aufgebrezelte Frontalansicht anderes vermuten ließ.
Karloff sprang mir sofort ins Auge. Wow! Frankenstein wär`s doch.
«Sind die wasserdicht?»
«Glaub schon. Is ja son Gummizeug und deckt den Kopf komplett ab.»
«Gut, dann einmal Boris Karloff bitte.»
«Wen?»
Ich deutete mit dem Finger drauf.
«Ach den Zombie. Gerne.»
Sie war eindeutig zu jung für cineastische Feinheiten aus dem letzten Jahrhundert.
18,95! Was tut man nicht alles für seine Gesundheit.

Mist!
Ich stand im Schlafzimmer. Früher Abend – unbekleidet. Duschbereit.
Dummerweise hatte ich vergessen zu fragen, ob`s die Dinger in verschiedenen Größen gibt. Das Teil war ein wenig eng. Vielleicht hätte ich mein Gesicht vorher mit Olivenöl einreiben sollen. Zu spät für derartige Überlegungen.
Beim Drüberstülpen riss Boris am Kinn ein. Egal, ich steckte stramm drin. Ohren platt Richtung Backen abgeklappt. Alles war plötzlich entspannt still, so wie in einem Floating-Tank. Und wasserdicht, 100% wasserdicht. Keine Frage.
Atmen ging ebenfalls, auch wenn dabei merkwürdige Pfeifgeräusche auftraten.
Leider sah ich nichts.
Die Augenlöcher müssen bestimmt vor der Benutzung passend für den jeweiligen Träger zugeschnitten werden, schoss es mir durch den Kopf.
Ich sollte in Zukunft Gebrauchsanweisungen lesen, das nahm ich mir fest vor, aber diese blöden Bildchen für Analphabeten fand ich schon immer nervig.
Kleine Einschnittlöcher für die Augen waren vorhanden, wie ich durch geschicktes Abtasten feststellte. Allerdings befanden sie sich etwas unterhalb meiner Nasenlöcher.
Das Personal im Einzelhandel sollte wirklich besser ausgebildet werden.
Ich versuchte eine Komplettverschiebung, wozu ich beide Hände einsetzen musste. Flach aufsetzen und dann synchron nach oben drücken. Es ging. Meine Nase wurde vorne leicht eingedrückt und hochgestülpt, was ich genau fühlen, aber nicht sehen konnte. Stattdessen kam mir das Sams in den Sinn.
Gleichzeitig spürte ich, wie sich meine Oberlippe in die Nasenlöcher quetschte.
Etwas unangenehm, aber ich wollte mich ja nicht unterhalten, ich wollte duschen.
Ein feiner Lichtstrahl schoss mir ins rechte Auge und blendete mich. Links blieb alles dunkel. Vermutlich hatte das mit der Synchronizität der Verschiebung nicht so richtig funktioniert.
Sei`s drum. Den Weg ins Bad kannte ich. Kurz über den Flur und scharf rechts. Das sollte klappen. Und dann durchtasten bis zur Badewanne – Kleinigkeit.
Mit ausgestreckten Armen durch den Flur tapsend, stellte ich zwei Dinge fest:
Erstens, dass sich ein Schatten vor mir aufbaute.
Zweitens, dass die Schalldichte nicht vollständig war. Schrille, hohe Töne drangen problemlos durch.
Etwas prallte an mir ab und plumpste auf meine Füße.
Das machte mich schlagartig nervös. Hektisch zerrte ich an meinem Ganzkopfohrenschutz, was dazu führte, dass der Riss im Kinn sich explosionsartig bis zur Stirn verlängerte und Boris nach links und rechts wegklappte wie ein Vorhang im Kasperletheater.
Vor mir auf den Fliesen lag meine Frau.
Klar, wenn man ahnungslos vom Einkaufen kommt, den Mann nicht zu Hause wähnt und dann einem nackten Boris Karloff im dämmrigen Flur begegnet, kann man schon mal umfallen.
Nachdem ich sie ins Wohnzimmer bugsiert hatte, wobei sie pausenlos unartikulierte Geräusche ausprustete und ihre Augen mich an Marty Feldmann erinnerten, beschloss ich, mich erst mal wieder anzuziehen.
Irgendwie blöd, wenn jetzt UPS oder die Nachbarin hereinschneiten. Die kommen ja immer zu den unmöglichsten Zeiten.
Dummerweise hatte ich die Unterwäsche schon in den Wäschekorb geworfen.
Aber ungeduscht, was Frisches anziehen?
Zum Glück lag sie oben auf, und da ich eh etwas ins Schwitzen geraten war, überdeckte mein Eigen- den Gebrauchsgeruch.
Zum Schwitzen noch eine kleine Randbemerkung. Meine Gemahlin liebt Schokolade, was dazu führte, das sich ihre elfenhafte, jugendliche Leichtigkeit – ich konnte sie tatsächlich mal auf den Händen tragen – im Laufe der Jahre, mittels einer sich fast unmerklich vollzogenen Metamorphose, in einen angenehm weichen, allerdings etwas gewichtigeren Ganzkörperschmeichler verwandelt hatte.
Zurück im Wohnzimmer stellte ich fest, dass meine bessere Hälfte den größten Teil der Rekonvaleszenzphase bereits durchlaufen hatte. Sie sah einigermaßen erholt aus.
Gut, die Frisur, aber das konnte man richten und neue Brillengläser … ach, Schwamm drüber. Das hielt sich in Grenzen.
Ihre Atmung hatte sich normalisiert und die abgehackten, gestammelten Wortfetzen ergaben schon wieder Verständliches.
«Übst du für Karneval?»
«Ne, ich wollte duschen.»
«Ah ha. Hol mal meine Tasche aus dem Flur.»
Da hingen einige.
Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff: Es konnte nur die abgewetzte Braune sein, die sich in der Kunststoffpalme verheddert hatte und die mich an die Satteltasche eines abgehalfterten Westmanns erinnerte.
Beim Karloff Kontakt hatte sie sich großflächig entleert und ihren Inhalt weiträumig im Flur verstreut. Der Menge, der seltsamen Gegenständen nach zu urteilen, inklusive des Inhalts des berüchtigten schwarzen Loches, das sich – die Gerüchte halten sich hartnäckig – tief im Inneren dieses weiblichen Accessoires befinden soll, kam einiges an Arbeit auf mich zu.
Nach einer gefühlten Viertelstunde, sehr genau wissend, dass ich mich gerade in einer No-Go Area bewegte, hatte ich alles zurückgestopft und lieferte.
Das jetzt einsetzende Herumkramen dauerte. Ich hatte wohl, natürlich unfreiwillig, die rätselhafte Ordnung eines weiblichen Survival-Containers durcheinandergebracht. Endlich, die zweite Zigarette qualmte gerade in den letzten Zügen, wurde mir triumphierend ein Plastiktütchen in der Größe einer Zigarettenschachtel in die Hand gedrückt.
«Das sollte gehen und – es wird auch Zeit!»
Ich hätte schwören können, dass mir bei der Beseitigung der Kollateralschäden dieses bunte Päckchen nicht begegnet war.
Zugegeben, als ich kurz darauf vor dem Badezimmerspiegel stand und mir ein rotgesichtiges Etwas entgegenglotze, das aussah wie eine angeschnittene Honigmelone mit Frischhaltehäubchen, das debile Grinsen jetzt mal außenvorgelassen, musste ich mich fragen, warum ich nicht auf diese einfache, geniale Idee gekommen war: eine Duschhaube!
Und wieso meine Beste ein Modell mit Rosa, Lila und gelben Pünktchen gewählt hatte, erfuhr ich später.
Im Laden, sich nicht entscheiden könnend, welches der vielen fantastischen Modelle sie wählen sollte, wurde sie (ich nehme meine Bemerkung, bezüglich der Ausbildung im Einzelhandel, zurück), perfekt beraten.
«Für wen möchten sie sie denn haben», wurde sie von der aufmerksam gewordenen Verkäuferin gefragt.
«Für meinen Mann.»
«Ach so, dann nehmen sie doch besser …»
«Nein, nein lassen sie nur, ich will die mit den Pünktchen. Schließlich möchte ich auch etwas davon haben.»
Wie gesagt, sie mag es, wenn ich sie erheitere.

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11 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Auf keinen Fall Wasser

  1. Kopfkino pur.
    Bilder, die ich so schnell nicht mehr löschen kann.

    Ich habe wirklich laut gelacht und das kommt beim Lesen nicht so oft vor bei mir.
    Danke für diese lustige und wirlich kurzweilige Geschichte.

    Ich habe mich köstlich amüsiert.

    Ich freue mich schon auf deine nächste Geschichte.

    Ach. Die Duschaube steht dir ausgezeichnet. Die solltest du öfters tragen. Einen schönen Menschen enstellt halt nichts. Sieht klasse aus.

  2. Moin Rüdiger! Schöne Geschichte! Gefällt mir, besonders das Vulkanier mitmischen! Schöne Woche!
    Stephan

  3. Ich kann mich nur anschliessen, Kopfkino pur. Ich habe mich sehr amüsiert und bitte darum, diese Schreibübung mit in die Top Ten aufzunehmen, wenn dabei so erheiternde Ergebnisse heraus kommen!

    Fazit = mehr!

  4. Hallo Rüdiger,
    ich habe mit viel Freude Deine schöne und lustige Geschichte gelesen.
    Weiter so.
    Durch Deine Ermutigung bei der letzten Jam habe ich nun auch eine Schreibgruppe gefunden.
    Gedichte haben es mir zur Zeit angetan.
    Hier eins zur Probe:
    Ich sitze unter der Eibe
    und schreibe und schreibe.
    Schlechte Gedanken vertreibe,
    denn schöne bleiben beileibe.
    Ich reibe mit dem Finger an der Eibe
    und denke nach über mein Geschreibe.
    Grüße von Rosi

  5. Mark Osborne

    Hallo,
    als Engländer habe ich zwar einen etwas anderen Humor, aber bei dieser Geschichte musste ich mehrmals schallend lachen, “totally wicked”
    Der krönende Abschluss ist das Foto am Ende. Ich würde sagen, das ist gelebte Literatur, oder anders: Eine Geschichte, die das Leben schrieb.
    Hoffe sehr bald noch mehr zu lesen.
    Mark

  6. Hi Mark,

    du triffst es genau: Eine Story aus dem Leben!

  7. Und ich finde, diese Geschichte gehört, von dir höchstpersönlich gesprochen, auf die Bühne! Das Lesen fand ich eher anstrengend (… weil ich, weißt ja, nicht anders kann, als immerzu auf Kommas und sowas zu achten…).
    Rüdiger, das ist Comedy. Geschrieben kriegst du das nicht verkauft. Auch nicht ohne Kommafehler.

  8. Hallo Johanna,
    die Geschichte ist auch nicht zum Verkaufen gedacht. Just for fun in der Schreibwerkstatt. Und die Interpunktion…. ja ich weiß;-))

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