Meine Zeit und meine Schreibzeit

22.00 Uhr

Wie es scheint, ist das wohl bei vielen ein Problem: Zeit haben, um zu schreiben.
Manchmal komme ich mir echt privilegiert vor. Ich kann die ganze Zeit, die ich zum Schreiben habe, oft gar nicht ausnutzen.
Wie kann das sein, werden sich jetzt sicher einige fragen. Tja, wenn ich das so einfach erklären könnte. Ich glaube, ich habe mir in den letzten 30 Jahren ein Lebenszeitnutzungsmodell erarbeitet … aber gut, fange ich vorne an:

Mit Anfang 30 steckte ich, als Unternehmer, in einer 70-Stunden-Woche. Gesundheitliche Probleme, der Verdacht auf beginnende Magengeschwüre, führten dazu, dass ich beschloss auszusteigen. Raus aus allem, was nicht dem Lebensgenuss diente – und das war viel.

Ich heiratete eine Frau mit zwei kleinen Kindern und fand mich plötzlich in der Vaterrolle, was ich wollte und sehr genoss. Ich lebte die erste Zeit vom Arbeitslosengeld, danach arbeitete ich zwei Jahre als Kindergärtner und schließlich gründete ich ein Kinder- und Puppentheater.
Den üblichen Haushaltskram, den normalerweise die Frau erledigt, teilten wir uns auf (nicht alle Bereiche, aber viele.) Das schloss auch die Betreuung und Versorgung der Kinder mit ein. So kam es, dass immer einer von uns einen oder mehrere Tage absolut freihatte und sich um die Sachen kümmern konnte, die persönlich wichtig waren. Freizeit und Muße waren mir sehr wichtig.
Familie und Aufbau eines Puppentheaters, von dem ich ja schließlich leben wollte, kosteten natürlich viel Zeit und Energie, aber ein Tag hat 24 Stunden und es blieb immer genug übrig.
Nach etwas mehr als 15 Jahren, die Kinder waren mittlerweile erwachsen, trennten wir uns. Unsere Lebensmodelle drifteten auseinander. Ich stand alleine da, mit meinem Puppentheater und (ich hatte noch die Kunst des Ballonmodellierens gelernt) als Ballonkünstler. Reich wird man damit nicht, aber da ich keine besonderen materiellen Ansprüche ans Leben stellte, reichte es immer aus.

Und es blieb Zeit für Muße! Ich malte viel, las viel, machte lange Spaziergänge und glotzte zu viel TV. Ich bin ein leidenschaftlicher Filmfreak, aber zappen ist der absolute Zeitkiller.

Oberste Priorität hatte bei mir immer die Muße, der Lebensgenuss. Die Arbeit, die erledigt werden musste, erledigte ich immer schnell und umgehend. Das nimmt viel Druck. Immer mit den Gedanken rumzulaufen, was noch alles gemacht werden muss, kostet viel Kraft und es bringt nix. Also: Erledigen und gut.
Dann lernte ich meine jetzige Frau kennen. Seit fast 20 Jahren sind wir ein harmonisches Paar, mit unterschiedlichen Interessen aber auch sehr viel Gleichklang. Gemeinsam bauten wir unsere Kleinkunstaktivitäten weiter aus. Wir erarbeiteten uns ein Repertoire als Puppenspieler und Ballonkünstler, mit dem wir unseren Lebensunterhalt verdienen und das heute die Grundlage unserer Existenz bildet.

Lockere Disziplin, die verhindert, dass sich zu viel aufstaut, scheint mir das (mein) Geheimnis zu sein. Immer mehr Zeit vom Tag blieb übrig.

Als ich dann, im Herbst 2011, das große Glück hatte, die wunderbare Eleonore Gregori (Lektorin bei Carlsen für Pixi-Bücher) kennenzulernen, änderte sich mein Leben erneut. Sie ermunterte mich, zu schreiben. Da ich alle meine Theaterstücke selbst geschrieben hatte, könnte ich, meinte sie, doch auch mal für sie schreiben.
Ich war wie elektrisiert und begann sofort am nächsten Tag zwei Geschichten zu schreiben. Ich muss dazu sagen, dass ich schon seit vielen Jahren schreiben wollte, aber immer davon ausgegangen bin: Das kannst du nicht!
Pixi-Bücher, dachte ich, schreibe ich doch morgens bei der ersten Zigarette. Ich lag weit daneben! Zum Glück hatte ich mir von Anfang an direkte und schonungslose Kritik erbeten, die ich auch bekam.

Als Puppenspieler, der sich auf dem großen Markt der deutschen Puppenspieler behaupten wollte, hatte ich früh gelernt, mit Kritik umzugehen und sah sie immer als hilfreich und aufbauend an. Selbst eine vernichtende Kritik konnte ich positiv verwerten.

Ich begann das Handwerk des Schreibens zu erlernen, mit einer erstklassigen Lehrerin an meiner Seite (mein Gesellenstück steht noch aus). Die Zeit vor der Glotze reduzierte sich drastisch. Ich optimierte nochmals meine täglich anfallende Büroarbeit und ab 2013 stellte ich fest, dass ich fast täglich Zeit zum Schreiben hatte. Ausnahmen sind die Tage, an denen ich ein Engagement habe. Aber auch da nutze ich die Pausen, um mir Ideen zu notieren oder Texte zu überarbeiten.

Gleichzeitig zeichnete sich aber auch ab, dass ich zu Hause nicht besonders gut schreiben konnte. Irgendwelche Arbeit glotzte mich immer an. Unsere Wohnung ist gemütlich klein, aber mein Büro ist nicht mein Schreibplatz, das merkte ich schnell. So entdeckte ich das Kaffeehausschreiben für mich. Das Handy schalte ich ab (meistens) und tauche ein in meine Fantasiewelt, während um mich herum das Leben sprudelt. Da es nicht mein Leben ist, lenkt es mich nicht ab – es inspiriert!

So kommt es, dass ich nach 3-5 Stunden schreiben in Cafés nach Hause komme und der ganze Abend liegt noch vor mir. Als Frühaufsteher (irgendwo zwischen 6.00 und 7.00 Uhr) bin ich um 20.00 Uhr einigermaßen erledigt und meistens nicht mehr in der Lage großartig kreativ zu sein. Dann mache ich das, was alle Schreibenden sollten: Ich lese. Lange und viel!

Falls es ein Fazit gibt, dann dieses:

1. Das Leben strukturieren und Prioritäten setzen.
2. Der Brotberuf muss und soll Spaß machen. Tut er das nicht, läuft evt. was falsch.
3. Alles Lebensnotwendige zügig wegarbeiten (nichts anhäufen. Der Berg kann schnell so groß werden, dass er einen erdrückt).
4. Immer Zeit für Muße einplanen (geht auch, wenn man Kinder hat).
5. Einen Raum zum kreativen Arbeiten schaffen (durchaus auch außerhalb der eigenen vier Wände.)
6. Täglich, wirklich täglich schreiben.
7. Wenn die Ideen ausbleiben, die Welt angucken und träumen.
8. Lesen, lesen, lesen.
9. Seine Frau (Mann) lieben und ihr/ihm das täglich zeigen.
10. Es gibt nichts und niemanden auf dieser Welt, von dem man nicht etwas lernen kann.

Ich weiß, das alles lässt sich nicht verallgemeinern, es ist eben mein Weg, meine Lösung, aber vielleicht regt es zum Nachdenken über die eigene Situation an.

Herbstgenuss

Herbstgenuss

 

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