Plot, Protagonisten, Schauplätze und ich

21.15 Uhr

Heute mal ein kleiner Einblick in meine Schreibabenteuer

Darüber, wie ein guter Plot entwickelt wird, ist schon einiges geschrieben worden. Es gibt diverse Möglichkeiten und jeder bevorzugt eine andere Herangehensweise. Ich habe einen Weg gefunden, über den ich gerne etwas erzähle. Das soll aber nicht heißen, dass das der Weg wäre. Es ist zurzeit mein Weg. Der Weg, den ich augenblicklich gehe. Was morgen ist …?

Ich musste feststellen, dass es mich langweilt, alles immer schon im Voraus zu wissen. Das Erfinden einer Geschichte empfinde ich als pures Abenteuer, eine aufregende Reise ins Unbekannte.
Ich denke mir eine Figur aus, lasse ihr Haus abbrennen und schicke sie in die Welt, neugierig, was passieren wird.
Dann skizziere ich weitere Protagonisten, (mehr oder weniger detailliert – sie wachsen und entwickeln sich im Laufe der Zeit). Das ist wichtig und notwendig, damit sie unverwechselbar werden, Typen eben. Wenn ich gute Ideen habe, entstehen sie vorm Schreiben genauer, aber manchmal muss ich sie erst eine Weile agieren sehen und mir darüber klar werden, was für Typen ich da über die Seiten jage.

Ich erschaffe ein Umfeld, indem sie sich bewegen, leben, einander begegnen etc. Auch das lege ich vorher nicht exakt fest.

Eine meiner Hauptfiguren in dem Buch, an dem ich gerade arbeite, ist eine pfiffige Spitzmaus, die in einer alten Mauer wohnt. (Weitere Handelnde: Hausmaus, Wühlmaus, Feldmaus, Wanderratte, Hamster, drei Fledermäuse – die Nagerbande). Neben einem geräumigen Wohnraum, der gleichzeitig als Zentrale der Bande dient, gibt es eine Küche, ein Labor, eine Werkstatt, einen Trainingsraum usw. Diese Räumlichkeiten entwickle ich detaillierter, wenn eine Scene darin spielt. Erstens, weil es mir Arbeit im Vorfeld erspart (ich weiß ja noch nicht, was da passieren wird), zweitens, weil ich sie so immer weiter ausbauen und verändern kann, angepasst an die sich ergebenden Notwendigkeiten. So entsteht die Architektur der Mauerhöhle nach und nach. Ich baue einen Schauplatz, der sich ständig weiterentwickelt und mitunter wunderbare Überraschungen bereithält. Es tauchen auf: Geheimgänge, Fluchttunnel, eine raffinierte Entlüftungsanlage, ein komfortables Badezimmer, eine Lümmelecke, ein geheimnisvoller Keller, eine Einflugklappe für gefiederte Freunde usw.
Natürlich ist die Höhle irgendwann fertig, aber solange sich Dinge einbauen lassen, ohne dass es unglaubwürdig wirkt, mache ich das. Mir alles vorher zu überlegen, würde meinen Schreib- und Ideenfluss hemmen.

Soweit, so gut.

Dann kommen Probleme und Konflikte, Aufgaben, die bewältigt werden wollen, gepaart mit den Wünschen Einzelner, die sie antreiben.
Die Gruppe hat Problem A zu lösen. Dazu muss sie von Punkt X nach Punkt Z reisen. Eine schwierige, gefährliche Unternehmung. Ich schließe mich meinen kleinen Helden an, gehe mit. Ich kann, ich will im Vorfeld nicht wissen, was ihnen passiert. Ich lege auch die Konflikte nicht fest, die auftauchen.
Sie müssen unwegsames, offenes Gelände überwinden (Gefahr von Greifvögeln, Hunden, Katzen etc.), einen Wald durchqueren, über ein Gewässer setzen und ich bin mittendrin. Ein ungeheuer großes Vergnügen, besonders dann, wenn Situationen entstehen, mit denen ich nicht mal im Traum gerechnet habe.
Die Gruppe übernachtet an einem See. Einer hält Wache, während die anderen schlafen. Ein Fuchs taucht auf. Können fünf kleine Nagetiere gegen einen Fuchs bestehen? Sie können!
Solche Kampfscenen muss ich später stark zusammenstreichen, weil sie sonst fast eine eigene Geschichte bilden, bzw. zu sehr ausufern.
Schließlich erreicht die Truppe ihr vorläufiges Ziel: Punkt Z. Hier will eine Aufgabe erledigt werden. Wie machen sie das? Beim Start der Unternehmung hatte ich noch keinen blassen Schimmer, aber ich gehe jetzt wieder genauso vor. Sie erkunden das Gelände und zack: Konflikt, Konflikt, Konflikt! Sie entwickeln Pläne, räumen Hindernisse aus dem Weg, müssen Rückschläge wegstecken, scheitern, unternehmen einen erneuten Versuch, scheitern abermals, bekommen Unterstützung usw.

So zu schreiben, so in das Geschehen einzutauchen, verschafft mir einen Genuss, den ich schwerlich in Worte fassen kann. Stecke ich drin, versuche ich jeden Tag das Abenteuer voranzutreiben, finde kaum ein Ende.

Interessanterweise denke ich nicht mehr über die Geschichte nach, wenn ich den Schreibtag beende, plane nichts, entwickle keine weiteren Ideen. Die kommen erst wieder, wenn`s weitergeht.

Am interessantesten wird es, sobald sich meine Protagonisten selbstständig machen und ein Eigenleben entwickeln – und das tun sie oft. Im zweiten Teil dieses Artikels etwas mehr dazu: http://www.ruedigerpaulsen.de/was-erfaehrt-man-auf-diesem-blog/

Oft höre ich, das viele Autor/-innen zuerst ein Exposé anfertigen, bevor sie mit der Story beginnen. Sie haben dann eine Linie, an der sie sich entlangschreiben können.
Das funktioniert bei mir nicht. Wie auch?
Ist die Geschichte fertig, schreibe ich natürlich ein Expose, aber dazu ein andermal mehr.

 

Mittendrin

Mittendrin

Schreibe einen Kommentar