Schreibblockade? – Lustiges Gegenmittel

Es soll ja Autor/-innen geben, die gelegentlich unter Schreibblockaden leiden.
Ich kann da nicht wirklich mitreden, wurde ich doch bisher davon verschont. Trotzdem geht es mir manchmal so, dass ich zwar etwas aufs Papier bekomme, was mich allerdings nicht zufriedenstellt. Solche Momente überbrücke ich dann mit verschiedenen Vorgehensweisen, die allerdings individuell auf mich zugeschnitten sind und die ich anderen Betroffenen schlecht als Ausweg/Lösung präsentieren kann.

Bis …, ja bis neulich!

Da wurde ich auf einen Schreibwettbewerb aufmerksam, der in Österreich stattfindet:
Die Nacht der schlechten Texte.
Neugierig geworden forschte ich nach, was sich dahinter verbarg. Und tatsächlich! Es geht darum, dass der schlechteste Text gesucht wird.

Sofort stellte ich mir die Frage: Was ist denn ein wirklich guter schlechter Text?

Auch darauf kann ich zurzeit noch keine Antwort geben. Ich habe mir die Siegertexte der letzten Jahre, die in einem Buch herausgegeben wurden, bestellt und warte sehnsüchtig auf die Lieferung.
Vorerst vermute ich, dass man beim Verfassen eines schlechten Textes all das        hineinpackt, das man sonst tunlichst zu vermeiden sucht.

Worauf achtet man bei einem guten Text?

Der berühmte erste Satz zum Beispiel. Niemals mit dem Wetter anfangen. Nicht zu viele Adjektive/Adverbien verwenden, auf Füllwörter achten, wenig Hilfsverben/schwache Verben benutzen, Dialoge schreiben, die die Handlung nach vorne treiben, interessante Protagonisten schaffen, die von etwas angetrieben werden, die Wünsche und Begehren haben, Spannung erzeugen, viele Zwischenhöhepunkte schaffen, Konflikte, Konflikte, Konflikte, Infodumps vermieden, immer alle offenen Fragen klären und was es sonst noch alles zu beachten gibt.

Das alles soll man also außer Acht lassen, wenn man einen schlechten Text schreiben will. (dachte ich mir).

Ich machte mich an die Arbeit.

Soviel kann ich jetzt schon sagen: Es macht Spaß. Auf nichts achten zu müssen erleichtert ungemein. Ich geriet in einen Schreibfluss, wie schon lange nicht mehr. Es war so, dass ich den inneren Lektor nicht ausschalten musste. Nein, als ihm klar wurde, was ich da mache, verabschiedete er sich diskret, verließ den Raum und ist erst, nachdem ich fertig war und ihn höflich bat wieder einzutreten, zögerlich zurückgekehrt. Ich vermute, dass er eine derartige Aktion bisher noch nicht erlebt hatte.

Und dann wurde mir schlagartig klar, dass die Übung, bewusst einen schlechten Text zu schreiben, eine effektive Methode ist, um Schreibblockaden zu überwinden.

Was schreibt man da am Besten?

Als Einstiegsübung kann ich das Nacherzählen von Märchen empfehlen.

Beispiel gefällig?

Okay!

«Das tapfere Schneiderlein» – der Versuch einer schlechten Nacherzählung.

Vor ein paar Hundert Jahren oder so, wann genau weiß natürlich keiner mehr so genau, so ist das immer in Märchen und es kommt ja auch nicht wirklich darauf an, können auch ein paar Jährchen mehr oder weniger gewesen sein, vor zig Jahren also, da hauste in einer kleinen, etwas schäbigen, um nicht zu sagen heruntergekommenen Stadt, in einem kleinen, schiefen und insgesamt sehr baufälligem Häuschen, ein kleiner, armer, halb verhungerter, aber sehr schlauer, witziger und lebenslustiger Schneider. Ich glaube, er hieß Fritzi Flick, aber das weiß ich nicht so genau, weil er im Märchen nicht namentlich erwähnt wird, sondern immer nur als «Der Schneider» bezeichnet wird. Eigentlich schade, weil, mit einem Namen hätte das Märchen irgendwie doch etwas  mehr von einer persönlichen Note bekommen. Mit einem Fritzi Flick kann man irgendwie besser mitfiebern, wenn es spannend oder unheimlich wird, als mit jemandem, der nur als Schneider bezeichnet wird. Aber gut, das ist Ansichtssache.
Der Schneider saß da also rum, den ganzen Tag, im Scheidersitz auf seinem Scheidertisch und schneiderte munter vor sich hin. Schneidern war das Einzige, was er konnte und mehr brauchte er ja auch nicht können, weil er ja Schneider war und nicht etwa Bäcker oder Schuster oder sonst was.
Wie er also eines schönen Tages, die Sonne strahlte warm und heiß, fast brennend vom Himmel herunter, und zwar genau in das Zimmer des kleinen, armen Schneiders hinein, der wie üblich im Schneidersitz auf seinem Schneidertisch saß und der deshalb (der Sonne wegen) nach einer Weile fürchterlich anfing zu schwitzen, da tat er dann doch einmal aufstehen und tat das Fenster aufmachen. Das tat ihm echt gut, weil es nämlich sofort etwas kühler wurde, wegen dem Wind, der auch etwas blasen tat und jetzt in den Schneiderraum hineinblies, was er vorher, wegen dem geschlossenen Fenster, ja nicht tun konnte. (Ja, ja! Grammatikfehler sind auch erlaubt)
Da hörte der Schneider plötzlich seltsame Geräusche. Geräusche, die sich in etwa anhörten, wie die einer alten, verhutzelten und gekrümmt gehenden, schrulligen Marktfrau, die mit genuschelten Wortfetzen irgendeine Ware feilbot.
Potz Blitz, dachte sich der Schneider da, da will ich doch mal sehen, was das wohl zu bedeuten hat. Und kaum hatte er diesen Entschluss gefasst, hatte er auch schon aufgehört zu schneidern und tat aus dem Fenster schauen. Und da sah er sie, die ziemlich heruntergekommene, alte Schnepfe, die einen großen, grob geflochtenen Weidenkorb mit sich herumschleppte, indem sich viele, kleine Gefäße befanden.
«Gut Mus feil», krächzte sie laut, aber trotzdem ziemlich unverständlich. «Kauft Leute, kauft.»
«Mache sie nicht so einen Lärm», brüllte der Schneider laut auf die Straße hinunter. «Da kann ja kein Mensch in Ruhe seinem Tagwerk nachgehen, wenn sie so einen lauten Lärm macht.»
«Will er nicht etwas kaufen tun?», fragte die nuschelnde, alte, etwas verhutzelte Marktfrau.
«Was tut sie denn da feilbieten?», fragte daraufhin der Schneider.
usw, usw.

Ein paar Minuten auf diese Weise zu schreiben, öffnet geschlossene Türen im Hirn, erleichtert ungemein und nimmt den Druck, unbedingt etwas Besonderes/Gutes schreiben/leisten zu müssen. Es kommt ja nicht darauf an und es kommt auch nicht darauf an, was dabei herauskommt.
Das Einzige was zählt ist: Der ins Stocken geratene Schreibfluss beginnt wieder zu fließen und dann ist es ein Leichtes, sich wieder der eigentlichen Aufgabe zuzuwenden.

Versucht es einfach. Ich bin sicher, ihr werdet erstaunt sein.

Wir haben diese Übung in der Schreibwerkstatt gemacht.
Als ich sie vorschlug, erntete ich erstaunte, fragende Gesichter.

Was soll das denn? Wozu?

Dann legten alle los um das Märchen: “Der Wolf und die sieben Geißlein” möglichst schlecht nachzuerzählen.
Ich hatte die Schreibzeit auf 20 Minuten begrenzt, aber niemand wollte aufhören, als die Zeit um war.

Beim Vorlesen haben wir gelacht wie lange nicht mehr.

Einige Texte waren genial gut!

Ja, das ist auch ein wunderbares Phänomen: Bei dem Versuch, bewusst einen schlechten Text zu schreiben, entstehen manchmal richtig gute Texte.

Viel Vergnügen!

Rü 11.02.15

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